Wer nichts wird, wird Weinhändler…

…so sagt es zumindest Martin Kössler, Geschäftsführer einer der besten Weinhandlungen Deutschlands.

Pünktlich zum neuen Jahr hat Martin Kössler einen Beitrag auf seiner Seite veröffentlicht der, wird er denn aufmerksam gelesen, für einige Diskussionen sorgt. “Wer nichts wird, wird nicht mehr Wirt, er wird Weinhändler”, so Kösslers durchaus provokante Aussage. Er hat gar nicht so Unrecht, leider. Früher habe ich immer scherzhaft gesagt: “Nach einer Autopanne in Italien ist auf einmal jeder ein Toscana-Spezialist”…

Was aber prangert Martin Kössler an? Ganz einfach: Austauschbarkeit, mangelnde Kompetenz und Fachwissen, fehlendes Hintergrundwissen über die Weinproduktion, die simple Ausrichtung an Punkten und die Aneinanderreihung von Superlativen. Recht hat er, zumindest was das Segment des gehobenen Fachhandels angeht. Gerade die Austauschbarkeit der Produkte fällt mir da immer wieder ins Auge. Kaum ein Händler, der wirklich neue, unbekannte Weine im Programm hat. Klar, dass macht viel Arbeit, zahlt sich aber langfristig sicherlich aus. Und genau da sehe ich persönlich den Vorteil des Weinhandels im Internet.

Das Netz bietet so viele Möglichkeiten Dinge zu verbreiten, Informationen zu übermitteln und damit eben auch unbekanntere Produkte einer breiteren Masse vorzustellen. Dass das nicht einfach so geht, ist klar. Auch das bedeutet viel Arbeit, viel Zeit und Konsequenz. Ganz besondere Alleinstellungsmerkmale müssen her, damit man sich eben von allen anderen Mitbewerbern abhebt. Und da schliesst sich wieder der Kreis zu Kösslers Beitrag. Einen Beitrag, denn jeder, der sich für Wein interessiert, gelesen haben sollte.

Damit den Beitrag auch jeder findet ist hier noch einmal der link.

11 Kommentare »

  1. Manfred Klimek Januar 12, 2012 16:00

    Ja, er mag Recht haben. Aber aus jeder Zeile spricht der Frust jenes Mannes, der glaubt, unter seinem Wert beurteilt zu werden. Er überhebt sich, anstatt gelassen sein Ding zu machen. Das ist ungefähr so, als würde ich mich aufregen, dass es noch viel schlechtere Fotografen als Mitbewerber in meinem Metier gibt. Muss ich aber nicht, denn ein paar sehr gute Werbeagenturen und Zeitschriften versorgen mich ohnehin mit der richtigen Arbeit. Ich nehme nicht an, dass bei Kössler Idioten einkaufen. Wenn er mehr Umsatz braucht, dann muss er eben auch was in die Hand nehmen. Ich halte den Mann für eine larmoyante Jammertante..

  2. Dirk Würtz Januar 12, 2012 16:25

    Nein @Manfred, da täuschst Du Dich. Ich kenne Martin gut, der ist alles andere als eine Jammertante

  3. Werner Elflein Januar 12, 2012 19:46

    Wenn es denn Frust wäre, Manfred Klimek, könnte ich den nachvollziehen. Frust vor der Dummheit der Verbraucher, die sich von der Industrielobby verarschen und wie Schlachtvieh am Nasenring zur Schlachtbahnk führen lassen. Ich verdiene nicht mit Wein mein Geld, aber das hält mich nicht davon ab, die derzeitige Situation erbärmlich zu finden.

    Martin Kössler bringt mit seinem Hinweis auf die banale Dualität “schmeckt/schmeckt nicht” treffend auf den Punkt, um was es geht. (Die Weinhändler spielen in dem Artikel nur eine Nebenrolle, darum ging es Kössler primär gar nicht. Das wäre noch einmal ein eigenes Thema …)

    Es tut mir ja furchtbar leid, aber Wein ist eben kein Produkt, bei dem jeder Wichtigtuer auch ohne Vorkenntnisse mitreden kann, wie er will. Das Verstehen von Weinqualität setzt Wissen voraus. Wissen, das ich mir nicht bei Facebook oder durch Lektüre irgendwelcher Schmalspur-Wein-Wichsheftchen aneignen kann. Wenn ich kapieren will, was ich im Glas habe, muss ich mein Hirn einschalten und auch einmal dort gewesen sein, wo der Wein herkommt. Nicht in der ganzen Welt, aber an ausgewählten Orten. Ich muss den Winzern ins Fass gesehen und mich durch Unmengen vor allem auch reiferer Weine getrunken haben, um zumindest eine Ahnung von der Materie zu entwickeln. Ansonsten wäre ich so kompetent wie ein katholischer Geistlicher für die Schwangerenberatung.

    Nebenbei: Es gibt in diesem Land auch eine ganze Reihe guter Weinhändler. Aber auch die muss man kennen.

  4. Thorsten Kogge Januar 12, 2012 19:50

    In der Schweiz, so scheint es, müssen Weinhändler eine Weinhandelsbewilligung einhohlen, die mit einer Prüfung verbunden ist: http://www.admin.ch/ch/d/sr/514_541/a28.html Würde man das Profil des Weinhändlers in Deutschland schärfen, könnte man auch diesen zu einem Ausbildungsberuf machen. Das bedeutet dann aber – wie immer bei solchen Dingen – dass sich die Weinwirtschaft mal zu einem solchen Schritt zusammen rauft und dann die entsprechenden administrativen Voraussetzungen geshaffen werden…also mehr statt weniger Bürokratie, um die Qualität des Handelsberufs zu sichern.

  5. Thorsten Kogge Januar 12, 2012 19:53
  6. Thorsten Kogge Januar 12, 2012 19:56

    Und hier ein etwas detailliertes Anforderungsprofil der Schweizer Weinhändler: http://www.berufskunde.com/4DLINK1/4DCGI/00ZH/beruf-weinhaendler/2075/Anforderung

  7. Marqueee Januar 13, 2012 00:25

    In Ermangelung einer Tracback-Funktion bei Tumblr erlaube ich mir ausnahmsweise, einen manuellen Link zu setzen. Weinwissen, Individualität und Engagement sind es dann eben – leider, leider – auch nicht allein:

    http://allemanfang.tumblr.com/post/15739445591/freundschaftsdienste-a-k-a-ironie-des-schicksals

  8. Christopher Emrich Januar 13, 2012 10:25

    zum einen gibt es, wie Werner zu Recht meint, auch noch andere Weinhändler, und ich bestelle auch bestimmt nicht nur bei k&u meine ausländischen Weine. Zum anderen habe ich Martin Kössler als überaus begeisterungsfähigen Weinfreak kennen gelernt, der kaum etwas weniger als larmoyant zu bezeichnen wäre Das ist in etwa so zutreffend, als würde man behaupten, beim Wein käme es im wesentlichen auf den Jahrgang an:-)
    Des weiteren hast natürlich recht. lieber Werner, wenn du – wie auch Martin Kössler – Wissen reklamierst in Hinblick auf eine adäquate Weinbeurteilung. So ähnlich, wie von dir beschrieben, halte ich es auch, ich habe auch schon Hunderte deutscher und einige österreichische Winzer besucht, ebenso wie zahlreiche zumindest europäische Weinregionen.

    Letzten Endes ist es bei Wein jedoch nicht anders als in anderen Sparten: es gibt ein bestimmtes Wissen und eine Geschichte, die dem Verständnis zumindest dienlich sind, dennoch würde ich nicht so misanthropisch auf diejenigen blicken, die mit dem je spezifischen Wissen bislang noch nicht in Kontakt gekommen sind – deshalb gleich den Kontext von Schlachtvieh/Schlachtbank zu bemühen, finde ich jedoch etwas übertrieben und auch nicht so wahnsinnig hilfreich, denn daraus spricht irgendwie schon so eine leicht beleidigte Perspektive desjenigen, dem die anderen/die Massen leider nicht folgen.

    Würde man den Fokus mit gleicher Rigidität vom Wein abwenden und auf womöglich noch wichtiger und komplexere kulturelle Felder richten wie z.B. Kunst oder Literatur, müsste man ja auch jedem Leser oder Besucher einer Ausstellung jedweden Kommentar verbieten, weil er einen inneren Monolog nicht von erlebter Rede unterscheiden kann oder nicht weiß, was Fluxus ist.

    Ich bin der Meinung, man kommt immer weiter, wenn wir uns alle erstmal als mehr oder weniger Lernende begreifen, die erstmal Spass an / Begeisterung für Wein erleben/entwickeln müssen – alles andere kommt oder kommt nicht, je nach Intensität des Interesses, wie eben auch in anderen Sparten.

    Wissen und Erfahrung stellen ja auch einen Prozess dar, in dessen VErlauf das Weintrinken aber auch einfach nur Spass machen können sollte. Und wie überall, trifft man eben auch beim Wein Leute, die nicht beriet sind, tiefer in die Materie einzusteigen, mehr zu investieren an Hirn, Zeit, Geld etc. – und sicher ärgere ich mich auch des öfteren über die Denkfaulheit vieler MEnschen, aber eigentlich sollte man das nicht. Erstens wächst jeder in anderen sozio-kulturellen Zusammenhängen auf und zweitens bringt es doch viel mehr, sich auf die Leute zu konzentrieren, die einen bereichern und sich auf der gleichen Wellenlänge bewegen.

  9. Werner Elflein Januar 13, 2012 16:58

    Christopher,

    bitte nicht falsch verstehen, der jeweilige Kontext sollte klar gewesen sein. Ich sprach vom Schlachtvieh als derjenige Teil der Konsumenten, der sich “von der Industrielobby verarschen und wie Schlachtvieh am Nasenring zur Schlachtbahnk führen” lässt, anschließend in einem doch anderen Zusammenhang von den Mitmenschen, die “mit dem (…) spezifischen Wissen bislang noch nicht in Kontakt gekommen sind”. Die Schnittmenge der beiden Gruppen ist naturgemäß groß, identisch sind sie jedoch nicht.

    Es ist auch nicht so, dass wir beide nach dem Besuch von 100 Winzern automatisch so etwas wie den Schwarzen Gürtel innehaben. Ich bin auch nicht derjenige, der sich beleidigt zeigt, weil ihm “die anderen/die Massen leider nicht folgen”. Wie sollte dies auch mit der von mir erhobenen Forderung nach selbstständigem Denken und kritischem Hinterfragen zusammenpassen?

    Ich stimme mir dir überein, dass wir uns als (ständig) Lernende begreifen sollten. Aber genau an diesem Punkt setzt ja bereits das Grunddefizit unserer Gesellschaft ein. Der Lernprozess findet ja auf gesellschaftlicher Ebene kaum noch statt. Das ist auch so gewollt. Stell’ dir vor, das Volk würde tatsächlich DENKEN.

  10. Christopher Emrich Januar 14, 2012 09:40

    Werner,

    da hast du in der Tat recht. Der denkende, wie auch der genießende Mensch wird nicht unbedingt gerne gesehen. Wer genießt, entzieht sich ja auch stark der gesellschaftlich-politischen Kontrolle. Deshalb wird es wohl nach dem Tabak auch bald zunehmend dem Alkohol an den Kragen gehen. Profilsüchtige Politiker werden im Namen der Gesundheit feststellen, wie böse Alkohol doch ist, und sich für die Erhöhung der Alkoholsteuer oder Trinkverbote in der Öffentlichkeit einsetzen, natürlich in Verbindung mit einer Senkung der Promillegrenze auf 0 – die Autos dürfen natürlich weiterhin immer fetter und schneller werden und ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen wird es auch weiterhin nicht geben.

    Menschen, die denken und genießen, sind schon sehr verdächtig. Bevorzugt wird eine gigantische Masse an Media-Markt-Kunden, die zwar keine 3 Euro für einen Wein ausgeben würden und ihr Fleisch bei ALDI kaufen, aber dafür auch jede Woche irgendeines verbilligten Elektronikschrotts wegen ihr Geld raus ballern oder sich für Auto und Eigenheim verschulden.

    Und denjenigen, die auch weiterhin gerne Tabak und Wein oder gute Brände GENIESSEN, wird versucht durch einen aufgezwungenen gesellschaftlichen Diskurs auch noch ein schlechtes Gewissen zu erzeugen – alles natürlich nur aus Besorgtheit um die Volksgesundheit (oder -verdummung, aber das ist ja auch irgendwie das gleiche).

    LERNEN, intellektuelle, ästhetische oder kulinarische Erfahrungen zu machen, ist wirklich bei vielen mit starker Abwehr behaftet. Und es ist natürlich erschreckend, wie hartnäckig sich viele dagegen sträuben, die ausgelatschten Pfade auch nur ansatzweise zu verlassen.
    Aber was soll’s – zum Glück gibt es ja immer noch in allen Sparten zahlreiche Menschen, die offen sind, die Großartige Sachen machen, sich für anderes engagieren und zumindest nicht “denen ihr Spiel spielen” (ken Kesey)

  11. Flobauer Januar 20, 2012 12:42

    Sehr geehrter Herr Kössler,

    was bitte ist da mit Ihnen passiert? http://www.focus.de/kultur/leben/trinken/billigwein-in-deutschland-eine-goettergabe-wird-verramscht_aid_695128.html

    Ich gehe stark davon aus, dass Sie diesen Beitrag mit einem gewissen Augenzwinkern geschrieben haben, denn so einen flatus in cerebro habe ich von Ihnen nicht erwartet. Ich persönlich ziehe gerne Vergleiche mit der Automobilindustrie: wenn ich Sie richtig verstehe sind nun alle Dacia-Fahrer die absoluten Vollidioten und die Firma Renault als Mutter quasi der Mafia gleichgestellt. Lediglich der Fahrer eines Audi A7 “individual” ist der Herr seiner Sinne.

    Sicherlich kann man den Preiskampf der Discounter, Handelsketten kritisieren, welcher die Produzenten quasi zwingt, solche Produkte anzubieten. Natürlich wäre ein Preis von ca. 5€/Fl. die einzig nachhaltige Möglichkeit Wein zu produzieren, bzw. zu vermarkten. Doch diese Party haben leider andere organisiert. Jedes Produkt hat seine Berechtigung im Markt und solange eine Nachfrage besteht, diese vom Markt bedient wird, ist doch Volkswirtschaftlich alles richtig gemacht??? Letztendlich können wir froh sein, dass sich auch Lieschen Müller einen Wein m LEH kauft, und sobald sie etwas besseres trinken möchte, findet Sie den Weg auch in ihren Laden und kauft sich das, was unter Ihren Maßstäben als Qualität rangiert. Ohne “angefüttert” zu werden würde sie evtl ein Leben lang beim Weißbier sitzen bleiben. Ich danke Ihnen auf jeden Fall für diesen Einblick in Ihren radikalen Gemütszustand und hoffe, dass Sie noch lange erfolgreich sind mt dem ws sie tun.

    Grüße von einem der beide Seiten (Wenigüter nd Kellereien) sehr gut kennt.

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