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Ärgernis der Woche

Wie immer von unserem Dr. Motz, der sich heute um die Zukunft der Zirkusfamilien Gedanken macht…

Der Zirkus kommt in die Stadt. Was uns als Kinder schon Wochen zuvor gepackt und fasziniert hat, droht bald der Vergangenheit anzugehören. Nicht nur, dass Dompteure und Artisten in kleinen, familienbetriebenen Wanderzirkusen seit Jahren ums Überleben kämpfen. Per Gesetz soll ihnen jetzt der endgültige Garaus gemacht werden.

Geht es nach dem Hamburger Senat, dann gibt es schon bald ein bundesweites Verbot von Wildtieren im Zirkus. Ein aufgewärmtes Thema, auf das Politiker und Medien scheinbar nur gewartet haben. Kann doch endlich einmal am lebenden Objekt demonstriert werden, wie fraktionsübergreifend an einem Strang gezogen wird. Immer die gute Sache im Blick. Und um das Ganze zu bekräftigen, werden wir mit abschreckenden Bildern überschüttet, die zeigen, wie abgemagerte Elefanten, Bären und Affen – angekettet in winzigen Käfigen und Containern – alles andere als artengerecht gehalten werden. Hinzu kommen Bilder von Dickhäutern, die auf zwei Beinen balancieren, oder Raubkatzen, die durch brennende Reifen springen. Zitat: „Der Mensch spielt sich als Krone der Schöpfung auf und zwingt wilden Tieren seinen Willen auf.“

Geradezu zynisch wird es, wenn der imposante Auftritt einer Elefantenherde in der afrikanischen Savanne oder eines Tigers im indischen Dschungel gezeigt wird. Und wer sich gerade nicht den Abenteuerurlaub im Safari-Helikopter leisten kann, für den gibt es schließlich immer noch „wunderschöne DVDs und gute Dokumentationen, in denen das wahre Leben von Wildtieren auch Kindern nahe gebracht werden können“.

Selbsternannte Tierschützer prangern Verhaltensstörungen, die „nicht selten zum Tod führen“, und „Hospitalismus“ an, was auch immer darunter zu verstehen ist. Wann die ersten Nilpferde mit Burnout-Syndrom auftreten, ist nur noch eine Frage der Zeit. Dass der immer wieder gern eingeforderte Bewegungsdrang in freier Wildbahn nichts anderes als praktizierter Überlebenskampf ist, wird tunlichst verschwiegen.

Noch zynischer wird es, wenn auf das alternative Erfolgsmodell á la Roncalli verwiesen wird. Ein Zirkus, der ganz ohne Tiere auskommt, und dessen dreistelliger Eintrittspreis auch noch ein Fünf-Gänge-Menü beinhaltet. Und wenn schon Wanderzirkus, dann eben mit dressierten Zwerghasen und bellenden Hausschweinen. Darauf hätten wir uns als Kinder  sicherlich „tierisch“ gefreut.

Statt massentauglichem Aktionismus wäre es sinnvoller, die letzten verbliebenen Zirkusfamilien zu erhalten und finanziell zu unterstützen, um ihren Tieren ein „menschenwürdiges“ Leben ermöglichen zu können.

17 Kommentare zu “Ärgernis der Woche

  • Pasta

    Lieber Dr. Motz! Ihr Beitrag ist hochgradig kenntnisfrei. Ihnen sollte bekannt sein, dass schon in modernen Zoos die artgerechte Haltung von großen Wildtieren sehr schwierig und aufwendig ist. Wie wollen Sie unter den Bedingungen eines umherziehenden Zirkus auch nur annähernd eine artgerechte Haltung ermöglichen? Es geht einfach nicht, und deshalb ist es auch kein “massentauglichem Aktionismus” solche Tiere im Zirkus zu verbieten, sondern ein Akt der “Tierlichkeit”.

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  • Dr. Motz

    Lieber Pasta! Nichts gegen artgerechte Haltung, wenn dabei die Haltung als solche nicht völlig auf der Strecke bleibt. Wie in der Massentierhaltung gilt es auch hier, einen vernünftigen Kompromiss zu finden. Was fällt eigentlich unter den Begriff “Wildtiere” und bei welcher Konfektionsgröße fangen dabei die von Ihnen angesprochen “großen Wildtiere” an? Selbst hartgesottene Tierschützer räumen ein, dass sich Zirkustiere – in der Regel – einer ganz besonderen Pflege erfreuen, nicht zuletzt aus Eigeninteresse des jeweiligen Dompteurs. Und, auch das wissen Tierschützer: Ein Wanderzirkus ist durchaus in der Lage, bei Kindern das Interesse für “wilde” Tiere zu wecken. Auch das trägt indirekt zum Erhalt der Artenvielfalt und zum Umweltschutz bei. Um ums nicht misszuverstehen: Niemand will Giraffen in Wohnwagen transportieren. Dass es jede Menge Gegenargumente gibt, ist mir – bei aller Kenntnislosigkeit:-) – durchaus bewusst. Tatsache ist aber auch, das Zirkusleute einfach keine Lobby haben.

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  • Pasta

    Lieber Dr. Motz! Ich gebe zu, der Begriff “große Wildtiere” ist etwas schwammig, aber wer wird im Zirkus schon eine Nummer mit Feldhamstern aufführen wollen? Was wissen Kinder, die in Schwabenheim ein Nilpferd Handstand machen gesehen haben hinterher über dieses Tier? Nichts, oder gar das Falsche. Ich bleibe dabei: unter den Bedingungen eines Wanderzirkus kann man Wildtiere nicht annähernd artgerecht halten. Das man sie trotzdem dort hält ist ein Relikt aus Zeiten, in denen man in Tieren eine “Sache” sah, mit der man (zur Belustigung) machen konnte was man wollte.

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  • Werner Elflein

    Tiere gehören in ihren natürlichen Lebensraum. Punkt. Der Zoo stellt hier bereits einen “Kompromiss” dar. Wenn Eltern ihren Kindern die Tierwelt zeigen und näherbringen wollen, dann können sie mit ihnen in den Zoo gehen. Das ist allemal lehrreicher.

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  • Dr. Motz

    Lieber Werner Elflein! Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben. Wenn ja, wann waren Sie zum letzten Mal mit ihnen im Zoo. Oder gehören Sie zu den Eltern, die ihren Kindern die Tierwelt gar nicht zeigen und näherbringen wollen, bzw. irgendwie keine Zeit für einen Besuch im nächsten Tierpark finden? Ich jedenfalls habe mich als Kind tierisch darüber gefreut, wenn der Zirkus in unsere kleine Stadt kam und ich mit meinen Freunden auf Entdeckungsreise gehen konnte, statt auf den nächsten Besuch mit meinen Eltern in der 150 km entfernten Stuttgarter Wilhelma warten zu müssen:-)

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  • Pasta

    @Elflein es ist ja sehr selten in den letzten Jahren vorgekommen, dass wir einer Meinung sind, aber in diesem Punkt stimme ich vollständig mit ihnen überein!
    @DR.Motz die Frage ist nur, ob die Tiere sich auch tierisch gefreut haben …

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  • Werner Elflein

    Nein, Herr Doktor, ich habe keine Kinder, war aber selbst mal eines und auch mal in einem Zirkus. Heute gehe ich sehr gerne in Zoos und Tierparks. Dort lernt man (auch als Erwachsener) eine Menge mehr als in einem Zirkus. Man kann die Tiere in einer (halbwegs) natürlichen Umgebung beobachten. Sehr interessant finde ich, dort das Sozialverhalten etwa der Erdmännchen oder Affen zu beobachten. Da können einige Zeitgenossen noch eine Menge lernen. Wieso Kinder von der ganz und gar nicht artgerechten Umgebung eines Zirkusses, in denen Wildtiere dressiert und zu Vorführungen gezwungen werden, die nicht ihrer Natur entsprechen, profitieren sollen, ist mir völlig unklar. Ich hätte nichts dagegen, wenn es in den Zirkussen weiterhin Clowns, Artisten und Hundedressuren gibt. Tiger, Löwen, Elefanten gehören da aber nicht zwingend hin. Ich gönne ja jedem Kind seinen Spaß, aber pädagogisch halte ich Wildtiere in Zirkussen nicht für sinnvoll. Ziel muss doch sein, den Kindern ein Wertgefühl für andere Lebewesen zu vermitteln. Dazu gehört m.E. unbedingt auch der Respekt vor der Natur.

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  • Dr. Motz

    Sorry, Herr Elflein! Ich weiß, das ist jetzt nicht sehr nett von mir. Und ich sage es auch nur, weil Sie von “pädagogisch sinnvoll” für Kinder sprachen: Es muss heißen “Umgebung eines Zirkus”:-)))

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  • A. Magnus

    Oh, bester Dr. Motz. Schauen Sie mal in den ersten Abschnitt der Glosse. Hier muss es “Wanderzirkusse” heißen, nicht “Wanderzirkuse”. Eine andere Wortbetonung wäre bei ihrer falschen Schreibweise die Folge. Amüsant finde ich die Auffassung, dass sich Tiere in freier Wildbahn mehr oder weniger wegen “praktizierten Überlebenskampfes” bewegen. Selbst bei uns Menschenkindern soll es ja manchmal so etwas wie freiwilligen Bewegungsdrang geben. Für viele wäre das Ausleben desselben zweifellos auch praktizierter Überlebenskampf. Mit meiner Enkelin gehe ich in den Zoo, größere Tiernähe ist allerdings in Feld und Wald sowie auf einem Bauernhof zu erleben.
    Beste Grüße
    A. Magnus

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  • Thorsten Kogge

    Die Zirkusfamilien gehöre unterstützt als Kulturinstitution, aber was die Wildtierhaltung angeht muss ich Werner Elflein voll zustimmen. Ich fand zwar als Kind so einen Löwen oder einen Elefanten auch super im Zirkus, aber selbstverständlich nur, weil ein bestimmtes ethisches Bewußtsein noch nicht da war.

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  • Thorsten Kogge

    Aber apropos Erfahrung mit Wildtieren machen: neulich habe ich politisch korrekte Freunde damit schockiert zu sagen, dass ich gerne mal – als Fleischesser, der ich nunmal bin – ein Wildtier selbst erlegen würde und den Prozess der Fleischverarbeitung bis zum “Endprodukt” einschließlich Abschlussessen mitmachen will. Die haben mich angeschaut, als ob ich ein irrer texanischer Ranger bin, der alle abschießt, die sich auf sein Grundstück begeben. Ganz so, als ob ich “Lust am Töten” hätte. Aber meine Überlegung war ganz anders: wenn man Fleisch ist, sollte man sich damit befassen, wie dieses mundgerechte und vom Körper enfremdete Stück zustande kommt. Mindestens einmal in dem Leben eines Fleischessers sollte der gesamte Prozess erfahrbar werden. Abgesehen davon, dass ein wild lebendes Tier mit einer Kugel zu erlegen bestimmt artgerechter ist als das, was wir so mit den ca. 60.000.000 Schweinen machen, die jedes Jahr in Deutschland ihr Leben lassen müssen. Aber..das ist in der Erfahrungswirklichkeit unseres Konsums und unserer Lebensführung insgesamt stark ausgeblendet. “So Kinder, esst euer Wiener Schnitzel auf, dann gehen wir in den Zirkus und schauen uns die Tiere an…”

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  • A. Magnus

    Heute gibt es Probleme mit dem “s”. Ich sage nur: ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich. (Römer, 8). Ich stelle mir mal vor, welch ein Geballere auf uns zukäme, wenn jeder Fleischesser den Jäger in sich entdecken würde. Wieviele Waffenscheine da ausgegeben werden müssten… Zufrieden wäre ich, wenn Foie gras-Konsumenten die Tiere selbst stopfen müssten. Am besten maschinell, da bekämen sie mit, was los ist. Im Kern liegt Thorsten nicht daneben, aber so wird der Problematik nicht sachgerecht begegnet.
    beste Grüße
    A. Magnus

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  • Thorsten Kogge

    @ A. Magnus: oh, das stimmt allerdings. Natürlich, wenn alle das machen und vor allem alle sofort machen würden…ja, dann wäre der wilde Westen los, aber das wollte ich damit keinesfalls nahelegen. Aber man könnte sich doch folgendes vorstellen: jedes Jahr werden eh etliche Wildtiere geschossen, um die Überwilderung und damit Folgeschäden zu verhindern (zum Beispiel: http://www.rp-online.de/wissen/leben/rehe-und-wildschweine-machen-die-waelder-kaputt-1.2294373). Denn mit dem Artenschutz ist es in unserer Gesellschaft in etwa so: entweder wir rotten alles aus oder wir schützen & fördern bis das Gleichgewicht auch wieder aus den Fugen gerät. Interessierte Menschen könnten einen Förster bei der Jagd begleiten und sowie der anschließenden “Verarbeitung” beiwohnen und sich auch gleich noch das “Ökosystem Wald” erklären lassen. Wäre auch mal etwas für den nächsten Schulausflug ;-)

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  • Volker

    Außer der m.E. nicht artgerechten Haltung bei Wanderzirkussen sei darauf hingewiesen, dass die Tiere die zur Schau gestellten bestimmt nicht freiwillig erlernen. Und was ist so sehenswert, wenn sich eine Runde Dickhäuter auf Kommando auf den Hintern setzen und den Rüssel strecken? Tiger durch Feuerreife springen?
    Ich bin kein Freund von Zirkus mit Tieren, dagegen von Artistik und Kunststücken, die im Zirkus ohne Tiere auskommen, schon eher.

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  • Torsten

    Der Besuch eines tierischen Wanderzirkusses ist genau so “pädagogisch wertvoll” wie der Besuch bei Mc.Donalds, nämlich überhaupt nicht. Trotzdem denken viele, es sei gut, wenn Kinder das als angebliche Bereicherung ihres kindlichen Lebens erleben können. Als “Ossikind” kannte ich Mc. Donalds nicht und als ich mit ethischem Bewußtsein und Neugier nach der Wende einen solchen betrat, war ich schnellstens angewidert von dem, was da als Esskultur gefeiert wird. Auch einen Zirkus hab ich lange nicht mehr besucht aus mehrfach genannten Gründen (auch ich bin hier ausnahmsweise mal bei Elflein…) – und dass, obwohl jährlich mehrfach Wanderzirkusse bei mir um die Ecke Station, Lärm und Gestank machen… Aus eigenem Erleben weiß ich, dass die noch nicht zu den vom Aussterben bedrohten Berufen gehören – in meiner mittelgroßen Stadt kommen jährlich -zig verschiedene und sie haben eine Anhängerschar an Besuchern ähnlich wie Mc.Donalds… Und der, der dieses Jahr mit Elefanten, Nashorn, Giraffe etc. Station machte, hat seine tierischen “Düngerabfälle” der Woche einfach bei der Abreise in die nahe Saale entsorgt, der Fluß war tagelang verseucht davon… – alles natürlich, oder?

    Wenn diese Art Gewerbe per Verordnung eingeschränkt wird, dann wäre das aus Sicht der Tiere und Sicht auf die Kinder begrüßenswert. Sie vermissen es schlußendlich nicht – wie auch ich als Kind Mc. Donalds nie vermisst habe…

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  • Udo Würtz

    Dr. Motz – und jetzt schön im Kreis und dann über’s Stöckchen und damit die ganzen “Britt-Zuschauer” es sich auch wirklich leisten: Freibier für “Hartz IV – Bezieher”,

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