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Der “neue” Gault Millau…

Gestern erschien er, der neue Gault Millau Weinguide 2012. Etwas früher als gewohnt, mit den üblichen “Überraschungen”…

Die echte Überraschung ist sicherlich der Winzer des Jahres. Matthias Müller, vom gleichnamigen Weingut aus Spay am Mittelrhein, hat diesen Titel verliehen bekommen. Damit hat sicherlich niemand gerechnet. Mit dem “Aufsteiger des Jahres” wohl eher. Dass ist das Weingut “von Winning” mit Stephan Attmann an der Spitze. Ansonsten liest und sieht man die üblichen Verdächtigen. Genauso verhält es sich mit diversen Bewertungen. Einige finde ich sehr nachvollziehbar, bei anderen reibe ich mir verwundert die Augen. Letzteres ganz besonders bei der Abstufung des Weingutes Wagner-Stempel aus Siefersheim. Die Abstufung kann ich nicht einmal im Ansatz nachvollziehen. Vor zwei Jahren noch zum “Aufsteiger des Jahres” gemacht, bekommt das Weingut jetzt eine Traube abgenommen. Ich habe viele 2010er dieses Weingutes probiert und kann das in keiner Weise nachvollziehen. Gleiches gilt für den Text von “Kühling-Gillot”, in dem zu lesen ist:”Der Jahrgang 2010 indes lässt uns etwas ratlos zurück”. Was soll ich da sagen… ich kann es nicht im Ansatz nachvollziehen. Auch im Rheingau lässt mich die Abstufung des Weingutes von Stefan Breuer kopfschüttelnd zurück. Da wird gewünscht, dass er “seinen Weinen mehr Ausdruck verleiht”. Ich kenne die Weine sehr gut und habe selten etwas ausdrucksstärkeres im Glas gehabt. Die Weine sind von einer puren und fast schon schneidenden Mineralität durchzogen, wie man es kaum noch einmal findet. Wo der “Ausdruck” fehlen soll, erschließt sich mir nicht. Na ja, die Geschmäcker sind eben verschieden und darüber lässt sich bekanntlich nicht streiten. Es gibt noch weitere Beispiele, aber die muss ich ja nicht alle aufzählen.

Worüber sich trefflich streiten läßt, ist die Tatsache, dass die Weine offen und nicht blind probiert werden. Eine “Glaubensfrage”, ich weiss. Aber bei einigen Bewertungen werde ich leider das Gefühl nicht los, dass es für bestimmte Etiketten deutlich einfacher ist und die Basispunktzahl per se höher. Insbesondere bei solchenWeinen, die ich selbst mehrfach probiert habe. Auf das “Pro” und “Kontra” einer Blindverkostung geht der GM auf Seite 69 ein. GM-Autor Jürgen Mathäß hat dazu ein lesenswertes Essay verfasst.

Worauf der GM leider gar nicht eingeht, ist der ”Interessenkonflikt” seiner Verkoster. Ich hätte mir wirklich gewünscht, darüber einige Zeilen zu lesen. Wenigstens bei der Vorstellung der Verkoster am Ende des Buches steht bei fast jedem Autor dabei, was er alles tut und für wen er arbeitet. Immerhin sind das ja mal einige wichtige Informationen. Wenngleich sie auch nicht vollständig sind. Beim Herausgeber und Chefredakteur Joel Payne fehlt die Information, dass er Inhaber der Firma “VINOCULTURA Asia” ist. Eine Consulting Firma für Winzer, die auf den asiatischen Markt wollen. Einen neuen stellvertretenden Chefredakteur gibt es jetzt, ganz offiziell. Die Rede ist von Carsten Henn. Ich gebe zu, ich bin auch hier wieder etwas überrascht. Ich dachte eigentlich, dass es künftig zwei Stellvertreter für Joel Payne geben würde. Carsten Henn und Frank Kämmer.

Alles in Allem ist der neue “Gault Millau” das übliche Nachschlagewerk. Es steht alles drin, was irgendwie wichtig ist. So gesehen ist das Buch wohl einer der umfassensten Überblicke über alles, was in Deutschland in Sachen Wein gut ist. Über die Bewertungen kann man, wie immer, streiten. Grundsätzlich bleibe ich bei dem, was ich schon seit geraumer Zeit sage. Ich glaube ein Weinführer dieser Art, egal wie er heißt, ist nicht mehr wirklich zeitgemäß. Da kann man durchaus anderer Ansicht sein, ich weiss. Der Gault Millau hat ganz sicherlich seinen Stellenwert und ist in einigen Bereichen wichtig. Das möchte ich diesem Buch nicht absprechen. Ich habe einfach nur ein eher ambivalentes Gefühl. Ich denke, es gäbe durchaus spannendere Arten, einen solchen Weinführer zu machen. Natürlich habe ich dafür nicht die finale, wahre und zündende Idee. Woher auch. Ich hinterfrage einfach nur mein eigenes Lese- und Konsumverhalten. Ich reagiere mittlerweile einfach ganz deutlich auf Wein-Empfehlungen, die ich beispielsweise auf Facebook lese. Da weiss ich, wer sie ausspricht und warum. In der Regel, weil der Wein gut schmeckt… ;-)

70 Kommentare zu “Der “neue” Gault Millau…

  • Pingback: 2010 Siefersheimer Riesling “vom Porphyr”, Weingut Wagner-Stempel, Rheinhessen — Blind Tasting Club

  • Charlie

    Axel: weiss ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich es an der gleichen Stelle gelesen wie du. Artikel im Feinschmecker??
    Werner: alles richtig. Ich kriege leider nie eine Antwort auf diese Frage. Wie werden die AP-Tester bestimmt/getestet?

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  • Werner Elflein

    Hallo Charlie, diese Frage kann ich dir auch nicht beantworten. Ich habe mal gehört, die müssten immer mal wieder zu einer Prüfung, aber ob das wirklich so gehandhabt wird und wie, weiß ich nicht. Bei dem, was manchmal bei der AP-Prüfung herauskommt, kann diese Prüfung, wenn sie denn stattfindet, nicht besonders effektiv sein.

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  • Michl

    Im Portfolio von Paynes “VINOCULTURA Asia” steht u.a. Bernhard Huber. Dieser stelle letztes Jahr den besten Spätburgunder Deutschlands im Gault Millau

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  • Werner Elflein

    Michl, immerhin war’s in diesem Jahr mal nicht Friedrich Becker. ;-)
    Bernhard Huber, dessen Spätburgunder ich früher immer zu extrahiert fand, hat in den vergangenen Jahren spürbar zugelegt und steht jetzt völlig zu Recht mit an der Spitze der besten Pinot-Erzeuger in Deutschland. Eine Verbindung mit Joel Paynes geschäftlichen Interessen würde ich gerade in diesem Fall nicht unterstellen wollen. Mich irritiert viel mehr, dass es in jedem Jahr viel zu oft dieselben Weingüter sind, die auf dem Siegertreppchen stehen. Das entspricht einfach nicht der hohen Dynamik unter den Spitzenbetrieben, nach der doch jeder vernunftsbegabte Beobachter erwarten würde, dass nicht einer allein jedes Jahr das Rennen macht. Ich glaube auch nicht, dass der Gault-Millau einem Friedrich Becker auf Dauer einen guten Dienst erweist. So langsam glaubt’s nämlich keiner mehr …
    Unter den besten 2009er Pinots ist die Ahr im Vergleich zu früheren Jahren in der Top-Ten nicht mehr tonangebend. Die anderen Gebiete haben aufgeholt. Eben Bernhard Huber, aber auch Markus Molitor, Gleichenstein, Frank John und viele andere zeigen erst seit wenigen Jahren, dass sie auch in die Spitzengruppe gehören. Dennoch finde ich, dass an der Ahr etwa Jean Stodden noch immer nicht so bewertet wird, wie es der Qualität der Weine entspricht. 91 Punkte für das Große Gewächs aus dem Recher Herrenberg ist in meinen Augen eine Frechheit.

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  • Michl

    @Werner: Ich möchte auch gar nichts unterstellen, ich stelle nur fest. Das aber mit Erstaunen! Ich empfinde es zumindest als sehr unklug, diese Verbindung nicht in aller Form öffentlich zu machen. Und ich gebe zu: Es beeinflusst meine Meinung über den Führer (übrigens sollte gerade auch Bernhard Huber ein Interesse an völliger Transparenz haben)
    Vielen Dank auf jeden Fall für die Info an Dirk Würtz, auch das kann ein Wein-Blog leisten!
    Im Übrigen: Werner Elfleins Einschätzung der Weine und der Entwicklung kann ich nur zustimmen.

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