Alles über Wein und den Rest der Welt…

“Mittelfränkische Bocksbeutelstrasse”

Es ist kaum zu glauben, aber die “Mittelfränkische Bocksbeutelstrasse” soll es bald geben. Und zwar nicht als Ausflugsziel, sondern als Bereichsname für Wein.

Hätte wir den ersten April, wäre mir klar, um was es ginge. Da hat sich einer einen kolossal guten Aprilscherz ausgedacht. Dem ist leider nicht so. Im Gegenteil! Der fränkische Weinbauverband arbeitet an seinen Begriffen für die einzelnen Bereiche des Anbaugebietes, sprich der Herkünfte. Grundsätzlich soll es künftig weniger Bereiche geben – eine gute Idee – macht die ganze Sache deutlich übersichtlicher. Das, was dabei bis jetzt herausgekommen ist, ist allerdings eher belustigend als sinnstiftend. Folgende neue Bereiche soll es geben:

Abt-Degen-Weintal, Churfranken, Frankens Saalestück, Main Himmelreich, Main-Süden, Mittelfränkische Bocksbeutelstraße, Mittelmain, Panoramaweg Steigerwald, Schwanberger Land, Volkacher Mainschleife, Weinparadies, Zabelstein

Da stellt sich mir die Frage, ob da einer auch an den Kunden, den Weinkonsumenten im In- und Ausland denkt. Wer, um Himmels Willen, soll sich damit zurecht finden. Das ist was für Franken und fränkisch verbundene Bocksbeutel-Liebhaber. Ansonsten ist das ein Bezeichnungs-Gau. Ich muss erst einmal googeln, um etwas mit “Abt-Degen-Weintal” anfangen zu können. Von einem Begriff wie “Weinparadies” ganz zu schweigen. Was habe ich mir denn darunter vorzustellen? Das finale Nirwana für alle Trinker? Freien Wein, strahlende Sonne und Jungfrauen inklusive? Ich verstehe das nicht, nicht einmal im Ansatz. In Franken wird so genialer Wein produziert, in ORTSCHAFTEN und LAGEN, die berühmt und bekannt sind. Wie wäre es denn mit diesen Namen? Würzburg, beispielsweise, ist eine Stadt, die weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannt ist. Warum nutzt man das nicht? Ich habe ja gar nichts gegen eine enge Verknüpfung von Weinbau und Tourismus. Wenn sich aber die weinbauliche Namensgebung den touristischen Befindlichkeiten unterordnen soll, dadurch eine Wein-Kulturlandschaft wenigstens namentlich kastriert wird, hört es auf, sinnvoll zu sein. Ich hoffe doch stark, als grosser Liebhaber des fränkischen Weins, dass das noch einmal überdacht wird.

Sehr interessante, weniger emotionale, Beiträge zu diesem Thema gibt es auch hier im “drinktank” und bei der “Weinakademie Berlin”

11 Kommentare zu ““Mittelfränkische Bocksbeutelstrasse”

  • Uwe

    Mit diesen abstrusen Bereichsnamen gräbt sich der deutsche Wein Stück für Stück sein eigenes Grab. Die Flasche “Weinparadies” gibt es dann bald auch als “Classic”, damit der Verbraucher weiss, was ihn erwartet. 4. Quartal, das diesjährige Marketingbudget muss aufgebraucht werden, sonst gibt es im nächsten Jahr weniger.

    Reply
  • Philip

    Ich selbst wohne in nächster Nähe zum “Abt-Degen-Weintal”. Die eher unbekannten Weindörfer Knetzgau, Sand am Main, Zeil am Main, Ebelsbach, etc. könnten über diesen Namen zu etwas mehr Aufmerksamkeit und touristischer Relevanz kommen. Es gibt nämlich genug gute Winzer in dieser Gegend (Weingut Martinsklause bspw.). Große Winzer(-betriebe) wie Horst Sauer, der Winzerhof Stahl oder das Juliusspital werden mit diesen Bezeichnungen nicht werben (müssen). Von daher: Für kleine, regional organisierte Produzenten: Warum nicht! Aber an der Namenswahl kann man durchaus nochmals schrauben, da gebe ich dem Autor Recht.

    Reply
  • Uwe

    Ich glaube nicht, dass diese neuen Bereichsbezeichnungen dem “kleinen Winzer” in irgendeiner Weise helfen. Und dem Verbraucher schon gar nicht. Im Gegenteil, eine Bezeichnung wie “Main Himmelreich” erinnert, rein zufällig natürlich, an einen Wein von der Mosel. Oder, um an Werner’s trefflichem Goethe-Zitat anzuknüpfen, hier wird ein Name absichtlich zu Schall und Rauch gemacht. Bereichsnamen sind Humbug und zwar scheinheiliger.

    Reply
  • Eckhard Supp

    Die Sache mit dem Panoramaweg weckte Assoziationen zu einer Anekdote, die mein alter Freund Jacques Dupont, der gerade das schönste Bordeauxbuch aller Zeiten geschrieben hat, gestern abend zum Besten gab. Die Chinesen besuchen gelegentlich auch andere Châteaux als die Bordelaiser Premiers Grands Crus – obwohl sich neulich einer bitterlich beschwert haben muss, der sich auf Smith-Haut Laffite angemeldet hatte und dann entdeckte, dass das gar nicht der Lafite war, zu dem er wollte. Einmal auf dem für sie meist noch unbekannten Château angekommen, lautet die erste Frage meist: “Machen Sie auch Carruades (Zweitwein von Lafite)”. Ich stelle mir dann ausländische Touristen vor, die in Heidelberg oder auf dem Brocken dem Hinweisschild “Panoramaweg” folgen und verzweifelt die berühmten Silvaner-Lagen suchen, von denen sie so viel gehört haben … (Letzteres ist jetzt nicht ganz Ernst gemeint) …die Alternative wäre, zum Schutz der Herkunftsbezeichnung im gesamten deutschsprachigen Raum Schilder mit der Aufschrift Panoramaweg verbieten zu lassen. Schweizer, Österreicher und Südtiroler, freut Euch schon mal!

    Reply
  • Philip

    Namen sind also “wie Schall und Rauch”? Na dann können wir doch auf “althergebrachte” Namen wie “Winninger Uhlen”, “Ürziger Würzgarten” etc., genauso verzichten.

    Aber hier besteht ja das Problem des Wein-Web 2.0s: Auf der einen Seite will man den Wein einer breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich machen und nicht mehr mystifizieren. Auf der anderen Seite sieht man sich selbst als Guerilla-Elite, die Wahrheiten (anscheinend) für sich gepachtet hat.
    Ich finde die (vorgeschlagenen) Namen sind teilweise Mist. Die Idee aber, die ist gut.

    Reply
  • Thorsten Kogge

    Namen sind Schall und Rauch: Das stimmt im Prinzip. Ein Name an sich ist ein Name ist ein Name. Keiner ist per se besser oder schlechter als der andere (abgesehen davon, das wir uns manchmal einfache Namen wünschen, die man gut aussprechen und sich gut merken kann und an die wir vielleicht eine gewisse ästhetische Vorstellung knüpfen). Wenn Namen im Weinmarkt eine Bedeutung erlangen, sollte mit ihnen eine gewisse, über die Zeit hinweg tradierte und klar erkennbare Qualitätsproduktion einhergehen. Das gilt, denke ich, für Produzentennamen ebenso wie für Lagenamen, für die Namen von Kritikern und, ja, auch für die Namen von Rebsorten, mit denen wir ebenfalls eine gewisse Erkennbarkeit/Güte verbinden. Hier kann man sich lange streiten, wie sehr beispielsweise bei Lagenamen ein einheitliches “Charakterprofil” nötig ist oder wie viele Produzenten sich auf einer Lage tummeln dürfen, ohne den Lagenamen zu verwaschen. Das war, nur noch mal zu Erinnerung, die Tragik der Groß- und Einzellagen nach 1971; ein Lagename wie “Liebfrauenmilch” demonstrierte davor und nach eindrücklich, was passiert, wenn dieser Zusammenhang zwischen Qualitätsproduktion und Name verloren geht und sich der Geletungsbereich einfach so weiter ausbreitet: Verfall und Angleichung auf sehr niedrigem Niveau. So ist es auch seit jeher mit “geschützten Ursprungsbezeichnungen” gelaufen, die ihre kollektiven Regularien auf Druck einzelner Winzergruppen oder Händler aufgeweicht haben. Soweit ich weiß, gibt es keine tradierte Qualitätsproduktion, die per se mit einem neuen Begriff wie “Weinparadies” in Verbindung steht. “Ürziger Würzgarten” hingegen ist ein Traditionslagename, mit dem ein doch recht hoher Qualitätsanspruch einhergeht und vielleicht sogar eine gewisse Typizität. Ich unterstelle mal, das sich alle dortigen Produzenten darüber im Klaren sind, dass ihr Name wertvoll ist und sie somit ihre Produktion danach ausrichten (einige mehr, andere weniger, Und vielleicht gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen; aber in Summe nehmen wir diese Lage sehr positiv, sehr hochwertig wahr). Ich denke, dass bei solch neuen Namensgebungen und Einteilungen, die ebenfalls geographische Grenzen neu ziehen, sich kurzfristig alle Produzenten und Sekundärakteure (Tourismus etc.) einen Gewinne versprechen, langfristig könnte dieses Denken aber gerade den gegenteiligen Effekt haben, nämlich die Trivialisierung der Region. Und das wäre tragisch/schade.

    Reply
  • Philip

    @Thorsten. Ein sehr guter Kommentar, der die positiven und negativen Effekte von Lagennamen deutlich macht. Auch ich sehe in dieser neu-fränkischen Namensgebung kein Allheilmittel. Aber eine Chance, die keinem etablierten Produzenten weh tun wird, und für viele kleine Betriebe positive, werbliche Effekte haben kann. Und auch ein großer Lagenname hat mal klein angefangen.

    Reply
  • Ewald Moseler

    Oh mein Gott!
    Eigentlich wollte ich nur gute Frankenweine geniessen und verkaufen. Und an tollen Weinen mangelt es in Franken nicht.
    Das Leben koennte so schoen sein, wenn einfache Weine in Franken Frankenwein hiessen, etwas hoeherwertigere, Guts- oder Ortsweine und die ganz besonderen Tropfen, Lagenwein mit oder ohne Praedikat.
    Aber leider darf das nicht so sein und viele Meinungen zusammenkommen.
    Vielleicht sollte sich sich die fraenkischen Winzer das Produktions- und Marketingkonzept von Steve Jobs und den Erfolg von Apple zu Gemuete fuehren wo der Erfolg in der Vereinfachung und in klaren Linien liegt.
    Auch ein Blick nach Oesterreich koennte bei der Einfuehrung der neuen Bereichsnamen in Franken lehrreich sein. Dort wurden vor einigen Jahren die Bereichsbezeichnungen ”Neusiedlersee, Neusiedersee-Huegelland, Mittelburgenland und Suedburgenland” zumindest auf dem Etikett durch “Burgenland” ersetzt.
    So bleibt zu hoffen, dass in ein paar Jahren “Abt-Degen-Weintal, Churfranken, Frankens Saalestück, Main Himmelreich, Main-Süden, Mittelfränkische Bocksbeutelstraße, Mittelmain, Panoramaweg Steigerwald, Schwanberger Land, Volkacher Mainschleife, Weinparadies, Zabelstein“ wieder durch „Franken“ ersetzt werden.

    Reply
  • Pingback: Bezeichnungs-Durcheinander « Würtz-Wein

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>