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Der Fachhandels-Grusel!

Vorgestern habe ich versucht, in einem Hamburger Weinfachhandel Wein zu kaufen. Das war weder einfach noch amüsant.

Es gibt viele Möglichkeiten, eine Flasche Wein zu kaufen. Im Internet, im Supermarkt, beim Winzer oder eben im Weinfachhandel. Vorgestern Abend war ich in Hamburg und brauchte auf die Schnelle zwei Flaschen Wein für den Abend. Pflichtbewusst wie ich bin, bin ich natürlich direkt in den nächstgelegenen Weinfachhandel marschiert. Schon beim Betreten des selbigen hätte ich ahnen müssen, was da auf mich zukommt. Der Laden liegt in einem Einkaufszentrum, ist eher klein, in der Mitte stehen Tische und es gibt so etwas wie einen Tresen. Hinter dem Tresen, eindeutig zu erkennen, der Besitzer. Der Name des Ladens mutete französisch an, wie sich später herausstellte ist der Besitzer auch ein Franzose. An dem Tresen saßen zwei Gestalten, tranken und es roch nach Zigaretten-Rauch. Egal, dachte ich mir, schnell den Wein ausgesucht und gut ist es.

Der Laden war nicht sonderlich groß, die Regale waren voll, von Ordnung oder gar einer sinnvollen Weineinteilung keine Spur. Viele alte Weine – keine gereiften Schätze, sondern zugestaubte Ladenhüter. Nach zwei Minuten erfolgloser Suche war ich genervt und beschloss den Patron zu konsultieren:

Ich: “Ich hätte gerne etwas frisches, junges. Am liebsteen einen Sauvignon Blanc aus Neuseeland oder Südafrika. Haben Sie da etwas?”

Er: “Natürlich!” Er kam hinter seinem Tresen hervor, griff zielsicher in ein Regal und gab mir eine Flasche. “Das ist das richtige für Sie”, meinte er

Ich: “Das ist ein 2007er Sauvignon Blanc aus Neuseeland… ich wollte etwas junges und frisches…”

Er: “Das ist frisch!”

Ich: “Ich kenne den Wein, der ist nicht mehr frisch. Frisch wäre 2010 oder 2011…”

Er: “Natürlich ist der frisch. 2011 ist doch noch gar nicht geerntet”, meinte er und lächelte süffisant

Ich: “Soll ich Ihnen jetzt mal den Unterschied zwischen frisch, nicht frisch und der Nord- und Südhalbkugel erklären?”

Er hatte leider keinerlei Verständnis für meinen Einwurf und bevor die ganze Angelegenheit zu  eskalieren drohte, fiel meine Wahl dann auf einen 2010er Weisswein aus dem Bordelais. Gestern bin ich dann übrigens gleich in einen Supermarkt und habe mir dort den jungen und frischen Sauvignon Blanc aus Übersee gekauft! Da war alles schön übersichtlich sortiert und ich musste mich mit keinem Besserwisser herumschlagen, der mir seine Ladenhüter verkaufen wollte.

Natürlich weiss ich, dass dieser “hochspezialisierte und kenntnisreiche Franzose” kein allgemeines Beispiel für einen Fachhandelsbesitzer ist. Leider ist er aber nicht die Ausnahme. Ich finde so etwas extrem abschreckend und frage mich, wie es wohl einem gänzlich unbefleckten Kunden geht, wenn er in so einen Laden kommt. Ich tippe mal auf “einmal und nie wieder”…

17 Kommentare zu “Der Fachhandels-Grusel!

  • Thorbjörn

    Erschreckend, bzw. einfach schade. Ich denke, das reduziert sich ja nicht auf den Weinhandel, umgekehrt ärgerlich, daß es dort nicht anders ist. Deswegen: In Hamburg nur noch zu Oxhoft! :-)

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  • armin

    nein, dirk, es muss anders sein.
    der unbefleckte kunde merkt ja im allgemeinen nicht, dass er schlecht bedient wurde, er hat ja seltenst einen vergleich.
    und die tatsache, dass es solche läden noch offen haben (gilt übrigens für andere branchen auch) zeigt, dass trotzdem umsatz gemacht wird.

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  • Peer F. Holm

    Ja. Diese Art der Läden gibt es leider immer noch. Und es sind meist diejenigen, die am meisten über die “schlechte Konjunktur” jammern.
    Glücklicherweise gibt es aber auch zahlreiche engagierte Weinfachhändler. Auch ich Hamburg. Und es gibt gut sortierte Supermärkte, die neben einer guten Auswahl zum Teil auch Beratung – auf Wunsch – anbieten.
    Meines Erachtens gibt es beim Auftritt kein “richtig” oder “falsch”. Man muss ich in seiner Haut wohlfühlen und die eigene Linie konsequent fahren. Aktiv.
    Genau wie beim Winzer …

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  • Jochen

    Nach dem VinoCamp haben wir doch mehr über Shoppen aus dem S-Markt gelernt ;-)
    Aber im Ernst – man erkennt den engagierten und kompetenten Händler doch meist sehr schnell und kann sich dann auch auf dessen Empfehlung verlassen.
    Grüße aus dem WeinReich!

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  • paradoxus

    Völlige Zustimmung! Ich wundere mich auch manchmal, wie manch Nebenerwerbs-Pseudo-Franzose (“Chez Chichi” mit Studienratsehefrau als Hauptverdiener sozusagen) sich hier im Viertel hält: Preise, die wohl beim gemeinsamen Saufen mit Kumpels am Ladentisch entstanden sind; ein Sortiment, das man wohl erhält, indem man Löffelsends Weinkatalog an einer beliebigen Stelle mit der Nadel durchstößt und alle so ausgezeichneten Weine bestellt; ein paar Kerzen im dunklen Laden; Preise winzig und handschriftlich mit nicht rückstandsfrei entfernbaren Etiketten auf die Flasche gepappt; Ivar-Regale∞ muffiger Geruch, der von den Essig- und No-Name-Grappaglasballons kommt und Geschwätz a la: Diesen kleinen Winzer habe ich bei meinem Provence-Urlaub …. usf. Voilá, der Hauptstädter hat seinen kleinen netten Weinladen um die Ecke, EC-Karten akzeptieren wir nicht (“Die Provision, müssen sie wissen …”). Das Problem ist also eher nicht der Laden, sondern die Kunden, die sowas am Leben erhalten. Dabei ist jeder Karstadt-Perfetto um Lichtjahre besser sortiert, gerade für Laien wie mich, die auch mal auf Nummer sicher gehen wollen, und mit etwas Aufwand sind gerade in größeren Städten wirklich gute und auf bestimmte Regionen spezialisierte Weinhändler zu finden, bei denen man auch mal einen Karton Flaschen kaufen kanne … . Aber ich wundere mich ja auch immer, wer auf diese xy-Superwein-Superbillig-Weinkontor-Anzeigen in der FAZ oder der ZEIT steht ;-)

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  • Gast

    Eine mehr als treffende Beschreibung, paradoxus. Der Finger musste wirklich in die Wunde gelegt werden. Gerade in der Hansestadt Hamburg gibt es unzählige dieser Weinläden. Neulich musste ich in DREI verschiedene Weinläden gehen, bis ich eine Flasche gefunden habe, die mich interessiert hat. Aber für den Hausgebrauch der Leute, denen Wein nicht so wichtig ist, reicht das vielleicht.

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  • Leo

    Ehrlich gesagt hätte ich bei dem nicht einmal eine Flasche gekauft. Schon aus Prinzip nicht. Soviel Arrognaz gehört bestraft und nicht auch noch “belohnt” :) Ich habe hier in Wien auch so einen “Kandidaten” der gottgleich über seinen Kunden steht und diese für Idioten hält. Business as usual.

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  • Thorsten Kogge

    Sie müssten sich von alten kulturellen Formen der Kennerschaft und des Weinsnobismus verabschieden, das belehrende in das befähigende Wissensvermitteln umstellen; den Kunden tatsächlich ernst nehmen und in der Präsentation transparenter werden. Nur: wer bringt es ihnen bei? Und wird es finanziell wirklich belohnt, wenn man es anders macht?
    Sollte ja so sein…

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  • susa

    Irgendwie passt ja der alte SozialpädagogInnenspruch “den Kunden da abholen, wo er steht”. Auf kurz oder lang gehen diese Läden den Bach runter, irgendwann will das Zeugs keiner mehr kaufen.

    Die Sache mit den Supermärkten ist recht zwiegespalten, als ich noch in Frankfurt wohnte bin ich durchaus gerne zu Karstadt und Kaufhof in die Weinabteilung gegangen. Allerdings hatte ich auch in fußläufiger Entfernung zwei Händler, die das glatte Gegenteil des oben Geschilderten waren, so dass mein Taschengeld immer schneller weg war als mir lieb.

    Aber hier bei uns auf’m platten Land und kein Weinbaugebiet, da will man keinen Wein kaufen, das gibt’s nur Blanchet und Erben und Gallo.

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  • Burzuko

    Mensch Dirk, hättest du bloß uns Pappnasen hier oben in HH und Umgebung gefragt, da wäre dir diese Erfahrung erspart geblieben… Aber mich beruhigt es, wenn ich sehe dass dir als Profi auch sowas passieren kann ;-)
    Meiner Meinung nach werden sich solche Geschäfte nach wie vor am Markt halten können, da die Zahl der WIRKLICHEN Weingenießer konstant sehr klein bleibt hier in HH. Es wird nun mal überwiegend Bier konsumiert! (oder ist das nur gefühlt?) Die wenigen, die Lust auf einen leckeren Wein haben, sich aber damit nicht beschäftigen möchten, kaufen einfach alles was “schön” und teuer ist! (Etikettentrinker!) Diese Gruppe nimmt (auch nur gefühlt?) rasant zu und macht mir fast schon Angst… Aber gut, Ornellaia, Opus 1, Rothschild usw. müssen ja auch irgendwie verkauft werden. Für die wenigen Weinliebhaber existieren zum Glück aber noch einige wenige kleine Geschäfte, die man aber leider mit der Lupe suchen muss.
    Wie wärs mit einer kleinen “Dependence” der Königsmühle hier für uns Hambuger/innen?

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  • katharina

    @burzuko: ich würde das nicht so abwertend pauschalisieren. meiner Meinung nach gibt es sehr viele Menschen, die gerne Wein trinken, doch sich einfach nicht so gut auskennen. An den bisher geschriebenen KOmmentaren erkennt man ja auch, wie sehr immer noch suggeriert wird, dass man sich auskennen muss, um genussvoll Wein zu trinken. Das finde ich immer wieder so schade! Die Leute ohne besonderes Weinwissen wollen nichts falsch machen und eifnach nur ein gutes Fläschchen für sich selbst oder Freunde kaufen. Und klar – woran orientiert man sich dan: am Etkett oder am Ratschlag des Verkäufers. Geht ja nicht anders – außer der Preis als Orientierungsgröße..
    Und wie will nun beurteilen, ob der “Fachverkäufer” ein Dummschäwtzer ist oder nicht?

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  • Leo

    @katharina: Dem kann ich nur zustimmen. Leider kommen die zahlreichen “ehrlichen” Laien und nicht so toll “ausgebildeten” Weinfreunde sehr oft pauschal unter die Räder. Entweder man kennt sich aus oder man ist der Depp und muss nehmen was da ist. So verleidet man aber dem einfachen Weinfreund auf Sicht auch jeglichen Genuss. Ein wenig echte uneigennützige Hilfe von “Profis” wäre angebracht und würde vielen Freude machen. Nur so als Gedanke :)

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  • Thorsten Kogge

    Servicewüste weindeutschland? Wissensvermittlung, und ich meine jetzt nicht irgendeine kulturelle Überhöhung sondern eher die “Erziehung zum schmecken”, muss ja unbedingt im Interesse der Weingüter & des Fachhandels und eigentlich der gesamten Weinbranche liegen. Nur Menschen die angefangen haben “Lunte zu riechen” werden sich selbständig mehr mit Wein und seinen Variationen beschäftigen.

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  • Gilli Vanilli

    du warst in HH und hast nicht mal bescheid gesagt :-(

    das hört sich jedenfalls schwer nach EInkaufszentrum M. in Altona an :-)

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  • Andreas Bürgel

    So, wie sie hier steht, kann die Geschichte funktionieren: Kunde will jung und frisch, wird in einem schlechten Fachhandel konsequent schlecht beraten, geht in den Supermarkt und wird beglückt.
    In dieser Inszenierung gibt der Supermarkt die Alternative.
    Was aber, wenn ich im schlechten Fachhandel nicht jung und frisch, sondern komplex und denkwürdig wollte. In dieser Aufführung wird es kein Happy End im Supermarkt geben.
    Die Alternative zum schlechten Fachhandel ist der gute Fachhandel.

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