Alles über Wein und den Rest der Welt…

Alles über Olivenöl – Serie Teil 6

Stinkig und ranzig“ - Etikettenschwindel in gigantischem Stil

Wer irrtümlich eine falsche Bezeichnung aufs Etikett setzt, ist noch lange kein Schwindler, selbst wenn er sich damit strafbar macht. Jemand, der sich über die Unrichtigkeit einer Bezeichnung im Klaren ist und die Falschdeklaration aus reiner Liebe zum Geschäft wiederholt, hingegen schon.

Auch wenn die Falschbezeichnung beim Olivenöl so verbreitet ist, dass sie bereits Normalität ist, ist dieser Etikettenschwindel eine Form von vorsätzlichem Betrug an Verbrauchern und Mitbewerbern. Denn bei dem Know-how, über das die Ölkonzerne verfügen, muss Vorsätzlichkeit vorausgesetzt werden.

Die Verantwortlichen der Ölindustrie sind sich sehr wohl bewusst, was sie einkaufen, was sie verkaufen und dass sie dem Gesetz damit zuwiderhandeln. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Fachleute nicht wissen, dass die Qualität der von ihnen für den Literpreis einer Tasse Cappuccino eingekauften Ölchargen nicht der Kategorie Extra Vergine gemäß EU-Verordnung 796/2002  entspricht. Sie wissen aber auch, dass sie sich nicht nur ungestört in einem Umfeld fehlender Ölkultur, sondern auch in der Grauzone des Schwerkontrollierbaren bewegen, in der jeder, der ihnen Falschdeklaration vorwirft, riskiert, sich juristisch selbst die Zähne auszubeißen.

Als Andreas März 2004 gewisse Missstände in Merum anprangerte und die Ölkonzerne beschuldigte, sie brächten in großen Mengen stinkende und ranzige „Extra Vergine“ in Umlauf, hängte ihm der damals noch italienische Carapelli-Konzern (heute in spanischem Besitz) eine Straf- und Zivilklage an.

Erst im Sommer 2009 wurde der Merum-Redakteur vom Strafgericht Pistoia freigesprochen. Der Richter – gepriesen sei er! – konnte an des Journalisten Behauptung, die betreffenden Öle seien stinkend und ranzig, nichts Verleumderisches erkennen… (!)

Qualität hat ihren Preis. Verbraucher, die glauben, beim Discounter für wenige Euro ein wertvolles Extra Vergine zu erhalten, täuschen sich. Laut geltendem Recht sind diese Billigöle mit wenigen Ausnahmen einfache Vergine, wenn nicht sogar Lampant-Öle!

Chemische Untersuchungen bestärken jedoch immer wieder, dass die Lage noch weit schlimmer ist. Die schlechte Bezahlung der Oliven führt zusammen mit der Rückständigkeit der meisten Ölmühlen des Mittelmeerraums zu Ölen, die so schlecht sind, dass sie nicht in nativem Zustand (unbehandelt) auf den Markt gelangen können. Solche Öle müssen rektifiziert werden und gelangen als einfaches Olivenöl in den Verkauf.

Da sich Extra Vergine jedoch besser absetzen lässt als einfaches Olivenöl, verpassen die Konzerne diesen Ölen zwecks Desodorierung eine Wärmebehandlung und bringen sie widerrechtlich als Extra Vergine in Umlauf.

Tiefe Umwälzungen im Ölmarkt

Es scheint, dass die Spanier derzeit konsequent eine Politik verfolgen, die die Kontrolle des mondialen Ölmarktes zum Ziel hat, die bisher die Italiener innehatten. Ein erster Schritt ist bereits vollbracht, in den letzten Jahren haben sich die Spanier den Besitz aller wichtigen italienischen Marken gesichert.

Der zweite Schritt besteht darin, Produktionspotenzial aufzubauen. Auf der ganzen Welt werden von spanischen Firmen Olivenplantagen angelegt. Die Produktionskosten solcher Intensivanlagen liegen deutlich unter zwei Euro pro Liter Öl. Ein Preis, zu dem in Italien oder anderen traditionellen Anbaugebieten auch mit Schwarzarbeit und Selbstausbeutung nicht produziert werden kann.

Die klassischen, südeuropäischen Olivenregionen haben es bisher verpasst, sich mittels besonderer Qualität, geeigneten Gesetzen und intelligentem Marketing aus diesem Massenmarkt herauszunehmen und sich für die Marktnische der Premium-Öle fitzumachen. Die Olivenöle traditioneller Anbaugebiete mit hohen Produktionskosten haben sich noch nicht das Recht erworben, als etwas Besonderes betrachtet zu werden, sondern stehen mitten im Konkurrenzkampf mit den Massenprodukten.

Durch ihre eigene massive Produktion gestärkt, werden die multinationalen Ölkonzerne immer weniger auf ihre traditionellen europäischen Lieferanten (Ölmühlen, Kooperativen, Konsortien, Oliven-Großproduzenten) angewiesen sein. Die Ölpreise werden zum Schaden der nichtvermarktenden Ölbauern weiter fallen.

Die Ölproduzenten kostenintensiver Anbaugebiete werden nur überleben können, wenn es ihnen gelingt, sich in den zaghaft wachsenden Marktnischen für Olivenöl hoher Qualität einzunisten. Denn außer der Allianz Produzent-Konsument steht Ihnen solange nichts zur Verfügung, als der Gesetzgeber sich weigert, der maroden Klassifizierung für Olivenöl ein Ende zu bereiten.

Die Kundschaft von Spitzenölen ist bereit, für die Öle zu bezahlen, was sie wert sind. Allerdings sind diese noch unsicheren Konsumenten sehr sensibel auf Signale bezüglich Glaubwürdigkeit und Qualität. Ölproduzenten, die sich in dieser Nische eine Zukunft einrichten wollen, dürfen sich keine Kompromisse erlauben! Ihre Öle müssen qualitativ über jeden Vergleich mit den Massenölen erhaben sein.

Es ist deshalb niemandem geholfen, wenn Öl-Guides „nett“ mit den Produzenten sind und auch Öle prämieren, die eine Auszeichnung nicht verdienen. Am Ende bringt nur kompromissloses Ausscheiden von fehlerhaften Ölen und das Prämieren von perfekten Leistungen den Sektor aus der Gefahrenzone.

Auf das Risiko hin, sich unbeliebt zu machen, wird Merum aus den genannten Gründen die Produzenten der eliminerten Öle auf Anfrage über den negativen Verkostungsbefund detailliert in Kenntnis setzen.

Auszug aus dem Olivenöl-Taschenführer von Merum, der Zeitschrift für Wein und Olivenöl aus Italien. Zu bestellen unter www.merum.info


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