Was ist nur mit dem Rheingau los???

Das Rheingau ist eines der kleinsten aber bekanntesten Anbaugebiete Deutschlands. Eigentlich auch zu Recht, betrachtet man alleine die Weinbaugeschichte dieser Region. Aktuell sind es zwar nur noch einige wenige Weingüter, die Weine von Weltruf produzieren, aber dennoch ist diese Region eine der wichtigsten und schönsten in diesem Land. In der jüngeren Vergangenheit kommen mir aber doch öfter mal gewaltige Zweifel, wie in diesem wunderschönen Anbaugebiet eigentlich die Uhren ticken.

Ich will jetzt gar nicht auf die für mich manchmal nur schwer nachvollziehbare “Erste-Gewächs-Politik” eingehen. Obwohl… vielleicht doch einmal ganz kurz:  Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass die Devise “Je süßer umso besser” lautet. Einige dieser EGs sind bis zur Unkenntlichkeit durch Restsüße entstellt. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden und mein Geschmack bestimmt nicht immer mehrheitsfähig, aber trockene Weine schmecken für mich einfach anders. Und ich glaube, da gehöre ich ausnahmsweise einmal zur Mehrheit.

Wesentlich erschreckender, ja fast schon skandalös, finde ich es allerdings, wenn es jetzt schon so weit ist, dass Weine aus absoluten Top-Lagen verramscht werden. Wie ich darauf komme? Heute habe ich folgenden Wein im norwegischen Monopol gesehen: Black Tower Hattenheimer Wisselbrunnen Spätlese trocken. “Black Tower” ist eine der erfolgreichsten deutschen Marken im Export. Gegen diese Marke von Reh-Kendermann ist auch überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil sogar, der Wein ist im Gegensatz zu so manch anderem, was rund um die Welt geschippert wird, sehr gut. Aber was bitte schön hat eine der besten Rheingauer Lagen, eine der weltberühmten Brunnenlagen, auf diesem Etikett zu suchen? Das ist eine “Erste Gewächs Lage” auf einen Wein aus dem unteren Preissegment. So kann man sich das ganze System auch relativ einfach ruinieren. Wo ist denn da bitte der Aufschrei des VDP?

Reh-Kendermann kann man da überhaupt keinen Vorwurf machen. Warum auch, diese Lage auf den Black Tower zu schreiben ist sicherlich mehr als nützlich. Interessant ist einfach die Frage wer seinen Wein im Fass, aus dieser Lage, für so ein Projekt verkauft? Viele kommen dafür nicht in Frage. Alleine schon wegen der zu liefernden Menge. Da bleiben nur wenige Weingüter übrig, und die sind allesamt im VDP.

Als Blogger darf man glücklicherweise auch einmal ein wenig launig und emotional sein und einfach nur seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Genau das werde ich jetzt einmal machen:

Eine klassifizierte “Erste”, “Große” oder wie auch immer Lage hat nichts, aber absolut gar nichts auf einem solchen Produkt zu suchen. Es sei denn man möchte diese Klassifizierung bald wieder einstampfen! Ich fände das allerdings sehr, sehr schade.

14 Kommentare »

  1. ThommyWitteck September 9, 2010 15:44

    Ein absolut berechtigter Aufschrei gegen die Verramschung von EG-Lagen. Sowas sollte einfach nicht passieren, wenn man die Reputation einer sehr guten Lage aus dem mittleren Rheingau erhalten möchte.

    Nur der Titel deines Blog-Eintrags und die hook leuchtet mir nicht ganz ein. Du skizzierst ein Bild Rheingauer Dekadenz, das ich persönlich nicht teilen kann. Bei uns im Rheingau geht es im Schatten eines großen historischen Erbes gut voran. Warum sollte dieses spezifische Problem etwas daran ändern?
    Problematisch finde ich eine Formulierung wie “nur noch einige wenige Weingüter, die Weine von Weltruf produzieren”. In jeder deutschen Region gibt es nur ein paar Weingüter, die Weine von Weltruf produzieren, so auch im Rheingau. Und hier sind wir mit Kesseler, Breuer, Künstler, Weil oder Schloss Johannisberg wie ich finde gut ausgestattet. Spannend sind natürlich auch die Newcomer wie Fred Prinz oder Reiner Flick, die dem Rheingau dieses neue, frische Image verleihen, das es seit einigen Jahren auszeichnet.

  2. Marc Herold September 9, 2010 15:48

    Der “Black Tower” kostet immerhin umgerechnet 15,6 €. Kein schlechter Preis…;-)
    Ist halt das alte Lied: Die großen Güter besitzen die guten, renommierten Lagen, der Wein verkauft sich fast von selbst. Die wenigen aufstrebenden Privatwinzer reichen nicht um das Gesamtbild des Gebiets nachhaltig zu verbessern.
    Immerhin ist Schloß Johannisberg seit ein paar Jahren wieder gut in Form. Schönborn soll auch nicht so schlecht sein.
    Wirklich schade finde ich, was die Staatsweingüter so treiben. Der Steinberger wird zum Großteil als QbA verramscht. etc. pp.

  3. Dirk Würtz September 9, 2010 15:52

    @Thommy Witteck
    Leitz hast Du noch vergessen. Und das historische Erbe ist ein super Stichwort. Das Rheingau hat mehr für den deutschen Riesling und seine Rennaisance getan als fast alle anderen Anbaugebiete zusammen. Früher konntest Du fast bedenkenlos annähernd jeden Rheingauer Wein blind empfehlen (ich übertreibe absichtlich ein wenig). In den letzten Jahren haben sich alle anderen Anbaugebiete mit einer unglaublichen Dynamik weiter entwickelt, aufgeschlossen und letztendlich den Rheingau überholt. Der insbesondere in den 90iger Jahren geprägte Säure-Süße-Stil ist überholt. Ganz besonders bei den trockenen Weinen. Ein großer, trockener Wein braucht kein Zuckerschwänzchen. Im Gegenteil, ich finde es zerstört den Charakter. Das ist meine Hauptkritik am EG. Ich sehe da kein gezeichnetes Bild von Dekadenz.

  4. Dirk Würtz September 9, 2010 15:56

    @Marc Herold
    Der Wein kostet 117,40 Kronen. Das sind tatsächlich um die 15 Euro. Damit gehört er in Norwegen noch zu den günstigen Weinen. Du darfst nie vergessen wie hoch die ganzen Steuern in No sind. Zieh die ab, alleine nur die Alkoholsteuer, dann bleibt nicht mehr viel. Der Wein hat 12,5% Alk… das sind schon einmal 6 Euro AlkSteuer

  5. ThommyWitteck September 9, 2010 16:16

    @Dirk Würtz
    Sehr guter Punkt. Es ist einfach wichtig für den deutschen Weinbau insgesamt, dass inzwischen teilweise immer noch zu Unrecht weniger renommierte oder bekannte Anbaugebiete als der Rheingau qualitativ aufgeschlossen haben. Hier wird seit Jahren an breiter Front Aufklärungsarbeit geleistet und das finde ich super.

    Mir sind wirklich trockene Erste/Große Gewächse ebenfalls viel lieber. Geht man allerdings von den trockenen Spitzenweinen weg hin zur Basis, ist vielen ein leichterer Wein mit Süß-Säure-Kick einfach lieber als ein breiterer, jedoch trockener Wein der südlicheren deutschen Regionen, die schon jetzt mitunter mit der Klimaerwärmung zu kämpfen haben, und ich beobachte hier keinerlei gegenläufigen Trend bei den Verbrauchern.

  6. Dirk Würtz September 9, 2010 16:20

    @ThommyWitteck
    Alles schön und gut und natürlich sind die leichteren süßsauren Alltagsweinchen das was der Verbraucher in breiter Masse will. Ich rede hier aber von Großen-und ersten Gewächsen. Und da, so leid mir das persönlich auch tut, ist der Rheingau zehn Jahre zurück. Bis auf wenige Ausnahmen versteht sich.

  7. Marc Herold September 9, 2010 16:49

    @ Dirk Würtz:
    Ja, weiß ich. Deswegen auch der Smiley. Sehe den Verkauf dieses Weins aber unkritisch. Mehr Regulierung erzeugt nicht unbedingt besseren Wein.

    Grüße

    Marc

  8. ThommyWitteck September 9, 2010 16:51

    @Dirk Würtz
    Bin da voll bei dir. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als ein Großes Gewächs von sagen wir K-P Keller oder Rebholz. Umgekehrt werden einige Rheingau EG’s durch zuviel Restsüße in ihrer Durchschlagskraft ganz klar geschwächt.

    Andererseits werden durch wirkungsvolle, gleichzeitig aber auch verallgemeinernde Phrasen wie “Was ist mit dem Rheingau los” oder “Wie ticken die Uhren da” – rausgehauen lange bevor du den eigentlichen, speziellen Fall erläuterst unnötigerweise negative Ressentiments gegen den Rheingau geweckt, wo in der breiten qualitativen Spitze, die hier ca. 35-45 Weingüter (je nach Brille) umfasst, super gute Weine gemacht werden – von daher auch mein lapidarer Ausruf: Wieso, hier ist doch alles tutti!?! :-)

  9. pivu September 9, 2010 17:05

    schon länger trink’ ich nur mehr peter kühn oder hajo becker aus dem rhg. und daran wird sich auch nix ändern, wenn sich dort nix ändert.

  10. Thomas Günther September 9, 2010 17:49

    Ich finde die Frage sehr berechtigt. Das betrifft den Lagenverbrauch allgemein. Und der Aspekt mit dem Rheingau scheint mir auch relevant. Nirgendwo gibt es anteilig so viel Riesling. Das Rheingau steht für die deutsche Edelrebsorte schlechthin. Der Ursprung der GG liegt mit den CHARTA-Weinen im Rheingau. Das jetzige offene System der Ersten Gewächse hat auch so einige Reize. Zugleich hatte das Rheingau den niedrigsten Punktedurchschitt für mich bei den Rieslingen GG (hier ja EG) 2009 (Franken, Württemberg und Baden nicht verkostet). Aber es gibt sicherlich auch dort hervorragende Weingüter.

  11. Marcus Hofschuster September 10, 2010 10:29

    Es steht vollkommen außer Zweifel, dass im Rheingau auch exzellente, mitunter große Weine produziert werden. Gleichwohl verschenkt die Region sehr viel von ihrem Potenzial, weil die überwiegende Mehrheit der Produzenten glaubt, Weine für den Geschmack von Kleinkindern machen zu müssen. Mindestens 8 von 10 nominell trockenen rheingauer Weinen schmeckt eindeutig süß. Nicht zuletzt deshalb wirken sehr viele rheingauer Weißweine in ihren Konturen unpräzise, oft regelrecht schwammig. Immerhin darf der Rheingau für sich beanspruchen, über die intelligentesten Hefen Deutschlands zu verfügen: bestens informiert über die gesetzlichen Regelungen, beenden sie ihre Gärung bei trockenen Weinen regelmäßig haarscharf unter der 9-Gramm-Restzuckergrenze, bei Ersten Gewächsen in genauer Kenntnis der 13-Gramm-Regel auch etwas darüber.

    Leider ist es auch so, dass im Rheingau Jahr für Jahr deutlich mehr Erste Gewächse abgefüllt werden, die diese Bezeichnung absolut nicht verdienen, als in allen anderen deutschen Anbaugebieten zusammen. Dass die besten Ersten Gewächse rot wie weiß in vielen Jahren zu den besten Weinen der Welt gehören, macht diesen Umstand nur noch trauriger und unbegreiflicher.

    Aber auf einem Weg wird das System der Ersten Lage mit Sicherheit zu Grabe getragen, wenn es Schule machen sollte: wenn Weine von Massenabfüllern unter der Bezeichnung von klassifizierten Lagen auf den Markt kommen.

    Herzlichen Gruß

    Marcus Hofschuster

    P.S.: das Problem der übersüßten nominell trockenen Weine betrifft allerdings nicht nur den Rheingau. Überhaupt wirken deutsche Weine nicht selten unnötig prätentiös. Man hat sehr oft den Eindruck, viele Produzenten machten ihren Wein nach einem speziell deutschen Baukastensystem für “große” Weine: Hefe, Zucker, Kohlensäure. Und weil sie ihren limonadigen “Meisterwerken” selbst nicht trauen, wird mit Schwefel draufgedonnert, dass es raucht.

  12. Dirk Würtz September 10, 2010 12:24

    @pivu
    Becker ist absolut genial. Trinke ich seit Jahren. Das ist trocken auch wirklich trocken. Kühn ist so oder so outstanding

  13. Dirk Würtz September 10, 2010 12:29

    @alle
    Jetzt, nachdem ja klar ist, das ich ja einfach nur neidisch und mindestens genauso wichtig wie Armin Diel bin :-) :-) :-) (selten so gelacht) hier meine Favoriten im Rheingau. Ohne Reihenfolge, einfach so wie sie mir einfallen: Weil, Breuer, Leitz, Prinz, Kühn, Becker, Krone. Das beste EG in 2008 für mich übrigens eindeutig von Schloß Johannisberg

  14. Werner Elflein September 11, 2010 08:46

    Wir dürfen das Thema “Trocken” nicht am Rheingau festmachen, es ist eine grundsätzliche Problematik in Deutschland, die viele Facetten hat. Den versauten Publikumsgeschmack, den Klimawandel, die Inkompetenz der Weinjournalisten und Gastronomen etc. Ich warne allerdings entschieden davor, nun eine kleinkarierte und engstirnige Restzucker-Debatte zu beginnen. Gerade zu unserer, nicht selten von fernöstlichen Einflüssen inspirierten Küche kann im Einzelfall ein trockener Riesling mit 8 g/l Restzucker besser geeignet sein als einer mit 2 g/l. Hier sind meines Erachtens vor allem die Gastronomen inklusive Sommeliers gefragt. Die Weinkompetenz in deutschen Restaurants jedoch ist in aller Regel mit der Zahl Null exakt beschrieben.

    Nun aber zur Problemregion Rheingau. Erst vor einigen Tagen hatte ich auf der Insel Spiekeroog zwei Gutsrieslinge aus Rheingauer VDP-Betrieben (beides Schlösser) im Glas, deren Pfirsichfrucht mir sehr künstlich erschien. Was in anderen Anbaugebieten auch, aber nicht so sehr verbreitet ist, scheint im Rheingau System zu haben. Die Weine werden nicht nur in der Aromatik getunt, was der Baukasten der Hefen und Enzyme hergibt, auch die Säure wird herunterkorrigiert, so dass am Ende ein langweiliges Aletesäftchen übrig bleibt. Wer sich im Jubiläumsjahr des VDP auf die 100-jährige Tradition bis zurück zum Verband der Naturweinversteigerer (nicht: -verweigerer!) beruft, sollte einmal den eigenen Stall ausmisten, bevor er über die angeblich hohe Qualität vermeintlicher Spitzenweine wie der Ersten Gewächse schwadroniert. Letztere sind nämlich im Regelfall eine einzige Zumutung und in meinen Augen ein Anschlag auf die deutsche Weinkultur, deren Niedergang sich derzeit vor allem am Beispiel Rheingau trefflich dokumentieren lässt.

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