Genau genommen müßte es heißen: ein Liter rheinhessischer Dornfelder im Fass ist teurer als ein Liter Bordeaux-Wein im Fass. Wenn das nicht mal eine Meldung ist.
Seit Wochen ist eines der beherrschenden Themen der unfassbare Hype um die noch nicht abgefüllten Weine aus dem berühmtesten und teuersten Anbaugebiet der Welt. Ein Preisrekord jagt den anderen in der Subskription. Aber, wie so vieles anderes auch im Leben, gibt es immer mehr als eine Wahrheit. Im “Planet Bordeaux” gab es heute einen wirklich lesenswerten Beitrag zur aktuellen Situation der bordelaiser Weinwirtschaft. Neben den wenigen begehrten, aberwitzig bepreisten “Blue Chips”, herrscht allem Anschein nach Panik und die nackte Existenzangst. Der Export ist eingebrochen, der Heimatmarkt zeigt den Weinen die kalte Schulter. Der Preis für Fasswein liegt bei 72 Euro-Cent pro Liter. Man kann es sich kaum vorstellen, aber der aktuelle Fassweinpreis für einen Liter Dornfelder aus Rheinhessen liegt bei 85 Euro-Cent. Ich darf also feststellen – und ich hätte nie geglaubt so etwas öffentlich sagen zu dürfen können:
Rheinhessischer Dornfelder ist teurer als Bordeaux! Und wenn ich so manche bordelaiser Basisgewächse, die ich in der jüngeren Vergangenheit probieren durfte, mir anschaue, dann ist der Dornfelder auch nicht viel schlechter. Im Gegenteil sogar.
Lassen wir mal diesen kleinen Hauch von Sarkasmus beiseite und betrachten uns kurz, was das bedeutet: Eine gesamte Weinregion ist im Begriff, sich selbst zu ruinieren. Während einige Weingüter Rekordflaschenpreise jenseits der 1.000 Euro Marke feiern, werden andere mit dem möglichen Ende ihrer Existenz konfrontiert. Ich mag mich täuschen, aber für mich liegt der Grund auf der Hand. Einerseits hat man sich jahrelang auf seinen Lorbeeren ausgeruht und gedacht: “Egal wie es schmeckt. Bordeaux steht drauf, das kauft sowieso jeder!”. Andererseits führen, jedenfalls für mich, die aberwitzigen Preise der Ultra-Premiums zu einer natürlichen Reaktion: Bordeaux = teuer = uninteressant. Da manifestiert sich ganz schnell ein Vorurteil im Kopf, das, wenn es erst einmal sitzt, lange nachwirkt. Das könnte man übrigens auch noch pauschaler sehen: Frankreich = teuer = uninteressant. Das wäre zwar nicht wirklich gerecht, aber durchaus menschlich. Man weiß ja wie das geht mit den Vorurteilen…
Dazu kommt dann noch das sich bildende Urteil: “billiger” Bordeaux = schlecht = uninteressant
yes gerrit genau das habe ich auch grad gedacht und wollte es schreiben
das sehe ich als teufelskreis – wenn der bordeaux billiger wird – irgendwann denkt man sich so billiger bordeaux der muss schlecht sein
=weniger Kunden = noch mehr Preisverfall …. usw.
Ich trinke gerne Dornfelder Rosé, empfinde dessen leichte Süße als angenehm. Von Bordeaux habe ich keine Ahnung. Nur ein wenig von Moulin à Vent Cru du Beaujolais, den ich meine Weinverkostungsballade eingebaut habe: http://gedichtbandlose-lyrik.de/die-weinverkostung