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Marcus Johst im Gespräch

Marcus Johst ist eine der interessantesten Personen in der hiesigen Presselandschaft. Johst ist Inhaber der Societät für strategische Medienberatung. Quasi eine Art Feuerwehr für Pressearbeit. Sein bisher wohl bekanntester Einsatz, wenn so etwas überhaupt bekannt wird, war die Geschichte mit Uschi Glas und der “Stiftung Warentest“. Was aber hat Johst mit Wein zu tun?

Ganz einfach. Marcus Johst ist Miteigentümer und Geschäftsführer der CaptainCork GmbH. Jene Weinseite im web 2.0, die mir so gut gefällt und die irgendwie anders ist. So schön frech und anarchistisch. Grund genug also, mit ihm ein kleines elektronisches Gespräch zu führen. Und wie nicht anders zu erwarten war, kamen da auch einige deutliche und klare Worte…

Würtz-Wein: Wie kommt es denn, dass ein Spezialist für „verdeckte PR“ einen Weinblog mit betreibt, respektive in ein solches Projekt investiert?

Marcus Johst: Nach 25 Jahren im Medienzirkus war das einfach eine spontane Idee. CaptainCork ist der totale Gegenentwurf zum herkömmlichen deutschen oder österreichischen Medienhaus, wo man dem Leser ein bisschen Engagement vorzeigt, um hinter dessen Rücken für eine teils manipulative Berichterstattung bei der Industrie abzukassieren – es gibt ein paar Ausnahmen. Und ich hatte einfach die Schnauze voll, schlechte Weine für zu viel Geld zu trinken. Mit Manfred Klimek habe ich einen Partner gefunden, der mich aus einer kulinarischen Beklemmung befreit hat. Seit dem wir online sind, lache ich mehr als vorher und trinke nur noch gute Weine.

Würtz-Wein: Wem gehört denn die CaptainCork GmbH genau?

Marcus Johst: Meinem Partner Manfred Klimek und einer Investmentgesellschaft, deren Eigentümer mir nahe stehen.

Würtz-Wein: Was versprechen Sie sich von diesem Engagement? Ruhm, Ehre, Geld oder einfach nur Spaß?

Marcus Johst: Ruhm stimuliert mich wenig. Wenn es mir darum ginge, würde ich ein radikales Blog über Wirtschaft und Politik gründen. Dafür gibt es aber noch kein taugliches Geschäftsmodell. Was mich motiviert: Spaß, Geld und die Chance ein bisschen klüger zu werden.

Würtz-Wein: CaptainCork ist ein Geschäftsmodell, sprich hat einen kommerziellen Hintergrund. Wie soll hier Geld verdient werden? Mit Werbung, Bezahlinhalten oder wollen Sie künftig auch Wein verkaufen?

Marcus Johst: CaptainCork verdient bereits Geld. Jetzt erst mal mit Werbung. Die Diskussion um bezahlte Inhalte verfolge ich mit Interesse, sehe dafür bei uns aber noch keine Chance. Weine verkaufen schließe ich derzeit aus. Man soll jedoch niemals nie sagen. Weil es  keinen Cent mehr kostet, haben wir uns beim Eintrag im Handelsregister alle möglichen Dinge offen gelassen – bis hin zur Weinmesse.

Würtz-Wein: CaptainCork will, so habe ich es jedenfalls gelesen, Marktführer in Sachen Wein im Internet werden. Wie wollen Sie das erreichen?

Marcus Johst: Falls Sie damit meinen, dass wir zum Meinungsführer werden wollen, dann stimme ich zu. Mich interessiert am Weinmarkt die brisante Mischung aus oligopolaren Handelsstrukturen, viel Meinung und gleichzeitig wenig Wissen beim Konsumenten und enorme manipulative Kräfte. Das alles rund um eine Schatztruhe voller Geld. Hier in einem Meer von Lügen die Segel zu hissen und mit unbestechlichem Journalismus störend einzugreifen, ist eine interessante Herausforderung aber auch die einzige Chance sich durchzusetzen. Das ist teilweise wie in der Pharmawirtschaft, weswegen ich gerade ein ähnliches Projekt wie CaptainCork für den deutschen Arzneimittelmarkt entwickle.

Würtz-Wein: Sie betreiben ja auch noch andere Blogs, beispielsweise die Kapitalpiraten. Die erinnern allerdings in der Diktion doch sehr stark an den CaptainCork. Zufall oder ist das eine Art Baukastenprinzip?

Marcus Johst: Das ist reiner Zufall, weil beide Portale gleichzeitig geplant und gestartet wurden und ich in diesen anstrengenden Wochen nicht gleichzeitig zwei virtuelle Welten bespielen konnte. Ein Notgriff, um die Kreativität einigermaßen aufrecht zu halten ohne irre zu werden.

Würtz-Wein: Verfolgen Sie die deutschsprachige Weinbloggerszene? Was halten Sie davon?

Marcus Johst: Wie alle Überzeugungstäter faszinieren mich auch einige Weinblogger. Ihnen gehört meine Sympathie und mein großer Respekt, weil man deutlich erkennt, wie sie mit Herzblut und manchmal ein paar Promille Wein darin eine unbestechliche Mission erfüllen. Jene, welche ihren Lesern Weintipps servieren, für deren Inhalte sie vom Produzenten bzw. Händler Geld empfangen, tun mir etwas leid, denn dieses Geschäftsmodell funktioniert nur im ganz kleinen Rahmen und das wirkt sich mit der Zeit frustrierend aufs Gemüt aus.

Würtz-Wein: Ich nehme mal an, Sie haben eine gewisse Affinität zum Thema Wein und Weinpublizistik. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der Weinpublizistik – des Weinjournalismus – hierzulande ein?

Marcus Johst: Naja, die Zeitenwende im Journalismus insgesamt ist unübersehbar – die Medienwelt teilt sich vorerst unversöhnlich zwischen online und offline. Genauso ist es im Weinjournalismus. Da sehe ich im Printbereich eine institutionalisierte und allgemein akzeptierte Korruptionswirtschaft, in der Zahlenschubser das Sagen haben und Journalisten mit ihrer Kompetenz widerwillig geduldete Lieferanten sind. Im Bereich Internet versuchen einige Kleine und Große das gleiche Modell zu etablieren, stoßen aber auf unübersehbaren Widerstand, weil – dem technischen Fortschritt zum Dank – den Mächtigen die absolute Herrschaft über die Produktionsmittel entglitten ist.

Würtz-Wein: Im September kommt der „Falstaff“ auf den deutschen Markt. Die haben allem Anschein nach großes vor. Ähnlich wie Sie mit dem CaptainCork. Hat ein solcher Print-Titel eine Chance? Was müsste der Falstaff tun um erfolgreich zu sein. Haben Print-Titel im Weinbereich zukünftig Ihrer Meinung nach überhaupt eine Chance?

Marcus Johst: Falstaff ist mit uns nur bedingt vergleichbar. Das ist eine in Österreich verankerte und etablierte Marke, die sich sehr ums Essen und Restaurants dreht – was uns nur  am Rande interessiert. Man hat dort viel Wissen und Kompetenz gesammelt und bricht nun auf, um den großen deutschen Markt zu bereichern. Ich weiß nichts über deren Strategie, denke aber, dass man hierzulande mit einem neuen Printprodukt künftig nur dann weiterkommt, wenn man das bewusst als verlustreiches Flagship-Store zur Markenpflege betreibt, um Werbekunden zu beeindrucken. Echte Leser und Konsumenten auf der Suche nach Rat und Meinung werden sich übers Netz finden lassen und darauf sollte der Schwerpunkt liegen.

Würtz-Wein: Noch mal zu Ihrem eigentlichen Betätigungsfeld, der verdeckten PR. Klingt irgendwie bedrohlich…Was habe ich mir darunter genau vorzustellen? Nutzen sie diese Art der PR auch für CaptainCork?

Marcus Johst: Dieser Begriff ist auch nur eine semantische Krücke um etwas zu beschreiben, was ich als Auftragsarbeit im Dienste meiner Kunden verrichte: Meinungsbildung, die vornehmlich in schwierigen Situationen gebraucht wird, wenn die Glaubwürdigkeit beschädigt ist und sich Medien erbarmungslos an einer Unternehmenskrise bedienen, um ihren Profit in Gestalt von Reichweiten und Einschaltquoten einzusammeln. Der Captain hat diese Dienste  nicht nötig, er ist unsinkbar.

4 Kommentare zu “Marcus Johst im Gespräch

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