Über den Zeitpunkt des Verkostens

Heute startete auf Facebook eine interessante Diskussion über den richtigen Zeitpunkt des Verkostens von Wein. Ausgelöst wurde diese Diskussion durch einen Wein aus dem Rheingau, den der Hamburger Journalist Mario Scheuermann schon einmal vor einem Jahr probiert hatte. In seiner ursprünglichen Bewertung gab er dem Wein 89 Punkte, jetzt, ein Jahr später 92 Punkte. Das ist ein gravierender Unterschied und wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wann sollten Weine mit einem gewissen Anspruch (und damit auch mit einem gewissen Preis) idealerweise verkostet werden? Wann sollten sie denn überhaupt Weinkritikern gezeigt werden? Wann sollte man sie verkaufen?

Diese Fragen sind gar nicht so leicht zu beantworten! Oder etwa doch? Ich denke es ist ganz einfach und ich sehe es ähnlich wie Martin Kössler, der dazu auf facebook folgendes geschrieben hat: “Wir sollten generell über ganz andere Bewertungskriterien nachdenken! Das wäre dringend an der Zeit. Unsere “langsamen Weine” reagieren anders auf schnelle Verkoster.” Das ist genau das, was ich schon ewig sage. “Hört auf mit diesem Jungweinwahn”. Wenn ich da teilweise lese wie bestimmte “Verkoster” das Potenzial von Jungweinen bewerten, dann frage ich mich schon lange woher diese Weisheiten kommen. Jungweine zu verkosten ist eine nicht wirklich einfache Angelegenheit. Wir lassen “Fassweinproben” jetzt mal ganz außen vor, das ist noch komplizierter. Um das Potenzial eines frisch gefüllten Weines zu erkennen und zu beurteilen, braucht man manchmal eine Glaskugel oder den Kaffeesatz aus der Tasse. Wenn ich mich alleine an meine Einschätzung des Jahrgangs 2004 erinnere steigt mir regelmäßig die Schamesröte ins Gesicht. Wie habe ich mich da geirrt, als ich felsenfest behauptete, dass der Jahrgang nichts taugt. Man bedenke: derartiges beurteilen zu können, gehört zu meinem Beruf.

Wie also kommt es zu diesen manchmal doch sehr schnellen und häufig wie in Beton gegossenen Urteilen?

Ich glaube zum einen liegt das daran, dass jeder der erste sein will, der etwas “Maßgebliches” zum Wein XY zu sagen hat. Manche Kollegen sind sehr schnell dabei, wenn es um das Versenden von Fassproben geht. Ich verstehe das einerseits sehr gut. Schließlich will man ja wissen, was die Welt zu sagen hat, zum neuen Baby. Andererseits verstehe ich es gar nicht, denn Wein braucht Zeit. So banal das auch klingen mag. Weine mit einem gewissen Anspruch sind eben keine schnell und zügig zu konsumierenden Produkte.  Im Übrigen kann der Schuß ja auch gewaltig nach hinten losgehen. Was, wenn der Wein beim Tester durchfällt? Warum auch immer… Dann steht das Urteil und wird in den seltensten Fällen zu einem späteren Zeitpunkt revidiert. Wer gibt auch schon gerne zu, dass er sich geirrt hat. Da könnte ja der “Unfehlbarkeitsstatus”  leiden. Da lobe ich mir übrigens “weinplus”. Die verkosten immer und immer wieder die Weine. Das hat einen gewissen Charme.

Zum anderen gibt es ja durchaus einen gewissen Druck. Der Wein wird verkostet, es gibt eine hübsche Besprechung, man kann damit werben und die Flaschen zügig verkaufen. Dieses Argument ist annähernd unschlagbar. Aber eben nur annähernd. Ein Premiumwein, zumeist in überschaubaren Mengen produziert, muss nicht schnell verkauft werden. Von solchen Weinen kann so oder so fast keiner leben. Da macht es doch viel mehr Sinn, den Wein erst dann vorzustellen und zu verkaufen, wenn er in der richtigen Verfassung ist. Koehler-Ruprecht wäre da übrigens so ein Beispiel, da kommen manche Weine erst nach Jahren aus dem Keller an die große Öffentlichkeit.

Mein Fazit: Jeder Weinproduzent sollte sich grundsätzlich kritisch hinterfragen, ob es denn unbedingt sein muss, bestimmte Weine schon in ihrer Jugend auf die “Menschheit loszulassen”. Oder ob es nicht viel mehr Sinn macht, sich und den Weinen etwas mehr Zeit zu geben. Und jeder Verkoster sollte sich überlegen, ob er der Versuchung nicht widerstehen kann immer der Erste sein zu wollen…

5 Kommentare »

  1. Christoph Februar 16, 2010 17:19

    Was noch dazu kommt ist ja, dass viele Weine nicht nur mehr Zeit in der Flasche benötigen sondern auch nach dem Öffnen Zeit brauchen. Und damit meine ich keineswegs nur die schweren Weine bei denen es eh klar ist. Gerade bei biodynamisch ausgebauten Weinen stelle ich (fast) generell fest, dass diese Weine Stunden brauchen, oft auch einen Tag, um sich zu öffnen. Da wird es dann mit dem Punkten häufig schwierig.

  2. Werner Elflein Februar 16, 2010 20:12

    Vor der Beantwortung der Frage, wann ein Wein “auf die Menschheit losgelassen” werden soll, steht für mich erst einmal die nach seinem Ausbau. Weine, bei denen bereits im Keller auf eine frühe Füllung und Trinkbarkeit hingearbeitet wurde, sind aber kaum diejenigen, die hier zur Diskussion stehen. Ob 89 oder 92 Punkte – eine solch hohe Wertung werden diese frühreifen Konsumweinchen in aller Regel ohnehin bei kaum einem seriösen Verkoster erhalten.
    Und wenn wir dann über Weine in dem o.g. Punktebereich reden, so bin ich ganz und gar nicht der Ansicht, dass zwischen 89 und 92 Punkten ein solch gravierender Unterschied besteht. Das sind drei Prozent. Peanuts!

    Es kommt zwar immer wieder vor, dass ich ein und denselben Wein bei unterschiedlicher Gelegenheit, in einem ganz anderen Kontext und auch in einer anderen Reifephase identisch bewerte, oder die Bewertungen um maximal einen Punkt differieren. Ich bin aber auch keineswegs traurig, wenn ich bei einem Wein mal um mehrere Punkte korrigieren muss. Denn zum einen werden noch immer viel zu viele Weine mit dieser unsäglichen, stinkenden Baumrinde verschlossen, und zum anderen können wir nicht ernsthaft Wein als lebendes Produkt betrachten, gleichzeitig aber der Meinung sein, dass es sich zu jeder Gelegenheit gleich offenherzig dem Konsumenten gegenüber zu präsentieren hat wie eine Straßendirne. Ein Wein kann sich auch einmal für geraume Zeit zurückziehen oder sich auf der Flasche anders entwickeln als prognostiziert. Um stets konsistent in meinen Bewertungen zu sein, müsste ich im ersten Fall die temporäre Unpässlichkeit der Diva punktemäßig ausgleichen (was schwierig sein dürfte, wenn ich den Wein da gerade zum ersten Male in meinem Lebe im Glase habe und ihn in “Normalform” gar nicht kenne), und im zweiten auf Knien rutschend Abbitte leisten, weil ich Depp vielleicht vergessen habe zu berücksichtigen, dass sich bei einer Lagerung der Flasche in einem um 1,5 Grad Celsius wärmeren Keller als im Weingut der voraussichtlich beste Trinkzeitpunkt mal eben um 15 Tage und 13 Stunden nach vorne verschiebt.

    Entscheidend ist aber auch, welche Einstellungen wir gegenüber Punkten entwickeln. Ich verwende sie als Hilfsmittel für die Kommunikation unter Weinfreunden. Nicht mehr, nicht weniger. Wenn ich mich mit einem anderen Weintrinker über einen Wein unterhalte und sage, er erhält bei mir soundsoviele Punkte, dann versteht mich derjenige meistens auf Anhieb – oder spätestens, nachdem er meine Bewertungen eine Weile verfolgt (am besten in der gemeinsamen Verkostung aus denselben Flaschen). Ich kriege zunehmend – um das einmal deutlich zu sagen – das kalte Kotzen, wenn ich sehe, was vor allem blinde Verkosterteams (und das hat nichts mit dem Thema “verdeckt oder offen” zu tun) sich da teilweise zusammenranken. Da werden arithemtische Mittel gebildet und bis auf die Dezimalstelle hinterm Komma verglichen. Mit 94,3 Punkten bist du der strahlende Degustations-Sieger, mit 94,2 Punkten das große Arschloch.
    Mit diesem albernen Punktegehabe, das nichts mehr mit dem ursprünglichen Zweck zu tun hat, machen wir uns doch nur lächerlich.

    Ich habe nichts gegen Fassproben – solange man deren Ergebnisse im richtigen Kontext sieht.
    Ich habe auch nichts gegen Jungweinverkostungen – solange sie seriös durchgeführt, protokolliert und auch mal zu einem späteren Zeitpunkt überprüft werden. (Gerade Letzteres scheint mir in der Praxis massiv zu kurz zu kommen.)

  3. Dirk Würtz Februar 17, 2010 12:58

    @Werner Elflein

    Schöner und sehr richtiger Kommentar. In einem Punkt möchte ich Dir aber widersprechen. Punkte als Kommunikationshilfsmittel unter Weinfreunden halte ich für ganz schwierig. Erstens geht das nur dann gut, wenn alle Eitelkeiten außen vor bleiben, zweitens haben ganz viele “Weinfreunde” ihr ureigenes Punktesystem und drittens kann man die Punkte nicht trinken ;-)

  4. Thomas Februar 17, 2010 16:08

    Na, wen wundert das denn? Die Kundschaft geiert nacht “Tipps und Tricks” und Schnäppchen. Die Weinführerverkäufer wollen Weinführer verkaufen und wer zuerst kommt malt zuerst. Ich habe mir das Zeug auch jahrelang gekauft und festgestellt: Die neuen Jahrgänge sind im April fertig. Im Mai steht der Weinführer und wenn ein Wein gut UND billig ist, dann findet man im Juni schon das “ausgetrunken” auf der Preisliste. Ob der Wein dann besser oder schlechter wird hängt dann von der von der Geduld und den Lagermöglichkeiten des Weinfreundes ab. Dabei fällt mir gerade ein: im Elsass finde ich oft Weine erst ein Jahr später in den Listen der Winzer als hier in Deutschland und da muss ich doch fragen: Was machen die bloß in der Zwischenzeit damit? Vielleicht hilft den Konsumenten ja etwas Geduld mehr und vielleicht lernt dann der eine oder andere sich nicht auf Weinführer sondern auf die eigene Nase zu verlassen.
    By the way: Seitdem ich Wein fast nur noch zum Essen trinke hat sich meine Bedürfnislage mächtig verändert. Und über DEN Zusammenhang findet man in Weinführern rein garnichts.

  5. Werner Elflein Februar 18, 2010 05:40

    @Dirk: An welche “Eitelkeiten” denkst du?

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