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Natamycin – Antibiotikum im Wein?

In den letzten Tagen geistert eine großes Thema durch die Presse – in einigen Überseeweinen wurde Natamycin gefunden. Die Schlagzeilen sind dementsprechend. Antibiotikum im Wein. Das klingt, zugegebenermaßen, nicht wirklich gut. Seitdem geistern durch die Weinwelt einige Erklärungen, in der Regel reichlich oberflächliche. Da mir ja neulich vom Gröjaz (größter Journalist aller Zeiten) in epischer Breite vorgeworfen wurde, ich wäre ein Stümper in Sachen Recherche, habe ich mir das jetzt einmal genau angeschaut.

Natamycin ist ein antimykotisch wirksames Polyenantibiotikum. Natamycin wirkt gegen Hefen, Dermatophyten, Trichomonaden und Schimmelpilze. Soviel zur Kurzinfo. Die substanzspezifische Pharmakologie sieht wie folgt aus: Natamycin ist ein antimykotisch wirksames Antibiotikum, das von Streptomyces chattanoogensis und von Streptomyces natalensis im Boden in der Nähe von Pietermaritzburg (Südafrka) produziert wird. Eine möglicherweise natürliche Kontamination des Weins kann daher kommen, dass Natamycin fungizid wirkt. Im Übrigen könnte man ein derartiges Antibiotika auch zur Stabilisiereung eines Weins anwenden. Das ist allerdings verboten und wäre deklarationspflichtig, jedenfalls in Deutschland/Europa. Abgesehen davon ist es auch nicht die sicherste aller Methoden. Viele andere Möglichkeiten der Kontamination wären ebenfalls denkbar. Antimykotisch wirkende Antibiotika werden wohl auch in der Forstwirtschaft eingesetzt und könnten auf diesen Weg (Chips) in den Wein gelangen, bestimmte Reinigungsflüssigkeiten kämen auch in Frage. Wie auch immer, hier handelt es sich wohl kaum um einen “Panscherskandal”, auch wenn es die Schlagwörter suggerieren. Die Diskussion wird sicherlich weitergehen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es allem Anschein nach in der Welt der Biologen und Pharmakologen unterschiedliche Auffasungen gibt, was das Zeugs nun final wirklich ist.

Auf dieses Thema gestoßen hat mich übrigens auch jener “Gröjaz”, der als Pächter der absoluten Wahrheit das falsche Antibiotikumspiel längst entlarvt hat. Er sagt: “Nein, es waren keine Antibiotika, sondern Antimykotika (Korrektur!), Pilzvernichtungsmittel, und die sind etwas komplett Anderes. Macht nichts? Merkt ja eh keiner? Na, dann kann ich in Zukunft ja auch schreiben, der Bundeskanzler hieße Benedikt XVI, Cabernet Sauvignon sei eine Weißweintraube und die Erde sei eine Scheibe? Wetten, dass das auch die Wenigsten merken!”

Doch, es gibt Leute die so etwas merken…

Glücklich ist wer Freunde und Bekannte hat. So wie ich :-) Manche haben sogar etwas ordentliches gelernt und studiert. In diesem Fall gibt es dann einen Apotheker, den man mal fragen kann und der einem gerne das richtige Produktblatt zufaxt, auf dem man alles nachlesen kann. Oh Gott, hoffentlich kann man denen überhaupt trauen… Ernsthaft: Natürlich kann man den Pharmakologen mißtrauen, das ist ja auch nur eine Quelle. Allerdings eine durchaus seriöse.

Ergänzung:

Wie auch immer dieses Natamycin in den Wein gekommen ist, jeder tut gut daran, sich mit voreiligen Verdächtigungen und Beschuldigungen zurückzuhalten. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass hier Absicht oder böser Wille vorliegt.

13 Kommentare zu “Natamycin – Antibiotikum im Wein?

  • Pingback: Tweets die Natamycin – Antibiotikum im Wein? « Würtz-Wein erwähnt -- Topsy.com

  • Eckhard Supp

    Gut gebrüllt, Herr Würtz, aber wie so oft, ist die Sache nicht ganz so einfach, wie sie aussieht. Obwohl ich nur 1,75 m groß und deshalb in Ihrem Post bestimmt nicht gemeint bin, nehme ich mir einmal die Freiheit, auf den Natamycin-Argumentationsstrang einzugehen, denn ich bin der Meinung, dass man gerade in dieser Frage (!) streng zwischen Antibiotika und Antimykotika unterscheiden sollte.

    Auch bei dieser Frage gilt natürlich, wie so oft: Frag zwei Apotheker (Wisschenschaftler, Experten) und Du bekommst drei Antworten (mindestens), eine Erfahrung, zu der auch Ihr Freund Mario Scheuermann auf seinem Blog gerade Interessantes beiträgt (ich bin ja nicht der Einzige, der den Unterschied zwischen Antibiotika und Antimykotika betont).

    Fangen wir von vorne an: Tatsächlich gibt es mindestens vier (oder sogar noch mehr?) Definitionen dessen, was ein Antibiotikum ist. Eine erste besagt, dass ein Antibiotikum ein Wirkstoff gegen Bakterien bzw. gegen bakterielle Infektionskrankheiten ist, die andere, dass es ein Wirkstoff gegen Mikroorganismen ganz allgemein ist. Beide Definitionen treten sich mit der Behauptung gegenüber, wissenschaftlich zu sein, während die jeweils andere, konkurrierende nur eine “gemeinsprachliche” Variante darstelle. Auf einer weiteren Definitionsebene unterscheidet man dann noch zwischen den Substanzen, die von den Mikroorganismen selbst erzeugt werden (Antibiotika), die also in der Natur vorkommen, und denjenigen, die vom Menschen synthetisch hergestellt werden (Chemotherapeutika), aber auch in diesem Punkt werden Sie mindestens genauso viele Wissenschaftler finden, die glauben, dass diese Unterscheidung völlig gegenstandslos ist.

    Nehmen wir einmal die erste Definition her: Nach ihr ist Natamycin wirklich kein Antibiotikum, sondern ein Antimykotikum, denn Pilze sind keine Bakterien und Bakterien sind keine Pilze. Ganz einfach und leicht nachzuvollziehen! Da ändert auch die von ihnen so stolz präsentierte, wissenschaftlich klingende Begrifftsbestimmung, Natamycin sei ein Polyenantibiotikum, nichts, denn auch von der gibt es zwei Varianten, entsprechend der oben skizzierten zwei Definitionen: Natamycin wird in der Literatur tatsächlich abwechselnd als Polyenantibiotikum und (!) als Polyenantimykotikum bezeichnet. Verwirrung, Verwirrung!

    Hielten wir uns statt dessen an die zweite Definition, dann gehörte tatsächlich eine Reihe sehr unterschiedlicher Stoffgruppen zu den Antibiotika: Die antibakteriell wirkenden Mittel der ersten Definition, die Pilzhemmer (Antimykotika), die Mittel gegen Protozoen (Antiprotozoika – Protozoen sind Einzeller mit Zellkern, im Unterschied zu den Bakterien) und sogar die Mittel gegen Viren (Virostatika, wenn man – und auch hier gehen die wissenschaftlichen Definitionen auseinander – Viren zu den Mikroorganismen zählt).

    Was fällt uns an dieser Liste auf? Dass für die erste Untergruppe kein eigenständiger Name angegeben ist, und das ist kein Zufall, denn auch diejenigen, die den Begriff der Antibiotika sehr weit fassen (nach der zweiten Definition), landen sehr häufig bei der Aussage, dass die antibakteriellen Antibiotika die eigentlichen (!) Antibiotika seien. Selbst ein Fachlexikon wie flexicon.doccheck.com, das zunächst Antibiotika als Wirkstoffe gegen Mikroorganismen ganz allgemein definiert (2. Definition), wird dort, wo die einzelnen Antibiotikatypen nach ihrer Wirkungsweise definiert werden, merkwürdig einsilbig. Ich zitiere:

    3.2. …nach Wirksamkeit [bearbeiten]
    Bakteriostatische Antibiotika hemmen das Wachstum bzw. die Vermehrung von Bakterien, können den Erreger aber nicht abtöten.

    Bakterizide Antibiotika hemmen nicht nur das Wachstum, sondern töten die Erreger ab. Hierbei werden wiederum primär bakterizide Antibiotika von sekundär bakteriziden Antibiotika unterschieden.

    Primär bakterizide Antibiotika sind auch gegen nicht proliferierende Bakterien wirksam
    Sekundär bakteriziden Antibiotika sind nur gegen proliferierende Bakterien wirksam

    Fällt Ihnen etwas auf? Es ist immer nur von der Wirkung gegen Bakterien die Rede. Pilze, Viren, Protozoen etc. kommen hier gar nicht mehr vor. Und damit sind wir auch mit der zweiten Definition wieder bei der ersten gelandet: Antibiotika sind Mittel gegen bakterielle Infektionskrankheiten!

    Dieses wissenschaftliche Hickhack darf aber vor allem eines nicht verdecken: Die Wortwahl Antibiotika ist in diesem Zusammenhang nicht zufällig erfolgt, sondern liegt in einer Linie mit der seit Jahren von interessierten Kreisen geschürten Kampagne gegen Überseeweine. Überseewinzer sind, das wissen (!) wir ja alle, Rosépanscher, sie benutzen künstliche Aromen, Tannine, Säuren und was noch alles … während unsere braven europäischen (deutschen) Winzer ja nur rein (!) natürliche Produkte auf den Markt bringen. Und jetzt ist dieser Überseefusel auch noch mit Antibiotika verseucht! Skandal, Skandal!

    “Südafrikanischer Wein mit Antibiotika entdeckt,” das klingt doch wirklich viel besser, aufregender, das macht viel mehr her, als die Meldung “Südafrikanischer Wein mit Antimykotika entdeckt”, und da wir alle wissen, wie hochgradig besetzt der Begriff Antibiotika bei uns ist, wie sehr wir alle Angst vor Antibiotikaresistenzen hat, können wir auch ermessen, wie viel mehr sich diese emotional besetzte Begriffswahl zur Stimmungsmache eignet.

    Und deshalb, vor allem deshalb bin ich der Meinung, dass wir den Unterschied zwischen Antibiotika und Antimyotika klar herausstellen sollten, und sei es nur, um einem Land, dessen Weine wir doch beide lieben, keinen Bärendienst zu erweisen.

    @Supp

    Sehen Sie, so finde ich die Auseinandersetzung mit Ihnen doch absolut spannend. Wie ich bereits im Blogbeitrag schrieb, gibt es sicherlich auch in Zukunft mehrere Meinungen und mehrere Deutungsweisen hinsichtlich des Natamycin. Ich habe mich heute mit mehreren (!) Pharmamenschen darüber unterhalten, die hatten unisono eine Meinung. Wie dem auch sei, ich habe ja auch ganz bewußt davor gewarnt diese Geschichte als Skandal aufzuhängen. Glauben Sie wirklich, dass derartige Meldungen Teil einer gezielten Kampagne sind? Ich kann mir das nicht vorstellen, das müßte ja generalstabsmäßig geplant und durchgeführt werden. Das erscheint mir persönlich doch ein wenig zu viel “Verschwörungstheorie”. Ich glaube da immer eher an das “Gute” und das “friedliche” Miteinander. Vielleicht bin ich da ja aber auf dem Holzweg…

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  • Eckhard Supp

    @Würtz

    Hatten Sie nicht gesagt, Sie fänden die sachliche Auseinandersetzung so schön? Dann müssten Sie mit jetzt aber zeigen, wo ich von “generalstabsmäßiger” Planung gesprochen habe. Ich schreibe, dass diese Einordnung des Natamycins “in einer Linie” mit der alten Kampagne gegen Überseeweine liegt. Nicht mehr und nicht weniger! Ist es das, was Sie Sachlichkeit nennen? Ich nenne das eher “Unterstellung” oder “dem anderen das Wort im Mund rumdrehen”.

    Dass es tatsächlich eine solche interessengesteuerte Kampagne in Deutschland (Europa) in den letzten Jahren gegeben hat, werden sie ja wohl nicht ernsthaft bestreiten wollen. Die unsägliche Rosé-Diskussion war das beste Beispiel. Um eine solche Kampagne zu erkennen, muss man nicht einmal besonders paranoid sein.

    @Supp
    Wo habe ich Ihnen denn jetzt das Wort im Mund umgedreht oder etwas unterstellt? Ich habe lediglich eine Frage gestellt. Muss ich die künftig noch einmal extra als solche kennzeichnen? Das habe ich gechrieben: “Ich kann mir das nicht vorstellen, das müßte ja generalstabsmäßig geplant und durchgeführt werden
    Diesem Satz kann ich beim besten Willen keinerlei Unterstellungen von mir Ihnen gegenüber entnehmen…

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  • Mario Scheuermann

    Hallo Herr Würtz,
    komplex, höchst komplex diese ganze Angelegenheit. Ich werde mich im Laufe des Abends auch noch im Drink Tank dezidiert dazu äussern. Gerade bei der Pharmaindustrie würde ich allerdings irgendwelchen Verschwörungstheorien nicht gar zu schnell von der Hand weisen wollen. :-) Jedenfalls können Pharmakologen in diesem speziellen Fall beides sein Quelle und Partei.

    In aller Kürze noch eine Anmerkung zu einem Detail des Postings. Sie schreiben “Natamycin ist ein antimykotisch wirksames Antibiotikum, das von Streptomyces chattanoogensis und von Streptomyces natalensis im Boden in der Nähe von Pietermaritzburg (Südafrka) produziert wird.” Das ist doch etwas zu volkstümlich formuliert. Der Pilz Streptomyces natalensis wurde lediglich nahe der Stadt Pietermaritzburg in Südafrika erstmals isoliert und wird seither von der Pharmaindustrie gezüchtet und genutzt.

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  • Mario Scheuermann

    Wenn ich zudem bedenke, dass der Skandalisierungsversuch ursprünglich von einem Unternehmen des chemisch-pharmazeutischen Komplexes (Bergerow)losgetreten wurde und Insider davon reden, dass ein anderes Unternehmen der Branche dabei sein soll in Südamerika ein Konkurrenzprodukt einzuführen (was ich bislang nicht nachprüfen konnte), kann man natürlich durchaus auf Gedanken kommen, die um eine Art “Verschwörungstheorie” kreisen.

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  • Ampelia

    Alter Falter! Jetzt geht’s aber rund hier. Das mutet ja wie ein verbaler cage fight an. Meine Wahrheit ist noch viel mehr wahrer als deine Wahrheit und überhaupt und so. Was für Differenzen oder Animositäten muß es da im Hintergrund geben, damit man sich derart aufführt.

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  • Mario Scheuermann

    Hallo Ampelia,
    aber immer noch besser als das kollektive Abschreiben, Nachplappern und garnicht recherchieren in den Printmedien zu diesem Thema. Ich habe die verschiedenen Beiträge auf meinem Weblog mal gesammelt und verlinkt – unterschiedlich betroffen oder distanziert, kontrovers aber auch spannend in den verschiedenen Sichtweisen, Ergebnissen und Nuancen.

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  • Anneli Dierks

    guys, ich bin beeindruckt über Euer Fachwissen. Und über die Zeit, die der eine oder andere damit verbringt, es noch genauer wissen zu wollen. Mario hat natürlich Recht, dies ist allemal besser als das oberflächliche Gesülze in der deutschen Presselandschaft. Nicht auszudenken, was passiert wenn einer auf die Idee kommt, nachzuweisen, dass der Schweinegrippe-Erreger Dank insuffizienter Abwehrkräfte gegen bis dato unbekannte Pilzerreger fatale Folten für den menschlichen Organismus hat! Syrah aus Argentinien auf Rezept!

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  • Eckhard Supp

    Muss jetzt doch mal eine (kleine) Lanze für die Printer brechen. Immerhin hat Wein+Markt (eine Printpublikation) einen sehr sauberen Bericht mit klarer Begrifflichkeit abgeliefert, und Yoopress (ziemlich eindeutig eine Online-Publikation) hat sich voll vor den Karren der Antibiotika-Skandalisierer spannen lassen. Mir fehlt der Überblick, wie viele Print- und wie viele Online-Publikationen jeweils welche Position eingenommen haben, aber wie immer hat die Wahrheit viele Grautöne. Schwarz-Weiß ist sie jedenfalls nicht!

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  • Ampelia

    @Mario Scheuermann

    Hallo, Herr Scheuermann,
    mit der mangelnden Überprüfung und Recherche der meisten Printmedien und vieler Online-Dienste zu dieser Meldung haben Sie natürlich vollkommen Recht.
    Mein persönlicher erster Eindruck der Kommentare war zunächst nur, daß es manchem der Beteiligten hier nicht um eine rationale Erörterung des Sachverhaltes ging. Daher mein etwas salopper Kommentar.
    Mittlerweile scheinen sich die Gemüter ja wohl doch etwas beruhigt zu haben. Umso lobenswerter ist es doch dann, daß sich diverse Weinblogs – namentlich hier in erster Linie Scheuermann, Supp und Würtz – um eine genauere Recherche bemüht haben, während woanders die Meldung einfach durchgewunken wurde, sei es bewußt oder mangels Kompetenz.

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  • Burkhard Rother

    Für Freunde und mich habe ich gerade eine Weinlieferung aus Südafrika vom spediteur avisiert bekommen. Auf dem e-mail-Avis steht in dicker roter Farbe (adressiert an die Versender, die ebenfalls das gleie e-mail erhielten): “Please ensure that your wines have been Natamycin tested & approoved”.

    Aufgrund dessen bin ich hier auf dieser Seite gelandet.

    Nachdem ich kein Chemiker oder Pharmakologe bin würde mich interessieren, was Natamycin für (oder gegen) den Verbraucher bewirkt, ob es abhängig von eventuellen Mengenkonzentrationen ist und wie man als Verbraucher evtl. prüfen kann, ob und wieviel Natamycin pro Flasche enthalten ist?

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