Teufelskreis der Ignoranz – von Markus Stolz (Elloinos)

Warum gibt es hier überhaupt die Griechenland Rubrik? Ich lehne mich jetzt einfach mal aus dem Fenster: Griechenland produziert momentan einige der spannendsten und individuellsten Weine auf unserem Planeten.

Griechenland? Wein? Retsina?

Es gibt hier eine kleine, aber ständig wachsende Gruppe von extrem entschlossenen und talentierten Winzern, die bereits die Aufmerksamheit von einigen der bekanntesten Weinkritikern auf sich gezogen hat. Mark Squires, Tara Q Thomas, Eric Asimov, Jancis Robinson und Mario Scheuermann beginnen sich ernsthaft mit Weinen aus Griechenland auseinanderzusetzen.

Diese Gruppe von Weinmachern ist auf dem besten Weg, das Image von Retsina und Demestica in das Reich des Mythos zu verbannen. Griechenland ist ein vielfältiges Land mit unterschiedlichen Terroirs und einer Vielzahl von heimischen Rebsorten, die den meisten Weinliebhabern bisher gänzlich unbekannt sind. Einige dieser Trauben haben das Potential, Weine der Weltklasse zu produzieren. Assyrtiko, Agiorgitiko, und Xinomavro schaffen dies schon jetzt. Diese Weine drücken ihre Herkunft eindrucksvoll aus und bestechen durch einen überraschend hohen natürlichen Säuregehalt und eine nachhaltige Länge am Gaumen.

Leider ist ist fast unmöglich, solche Weine ausserhalb von Griechenland zu finden. In Deutschland gibt es einige große Importeure griechischer Weine – dies sind meist Griechen, die ihre Importe an griechische Tavernen verteilen. Der hiesige Fachhandel wird ignoriert. Die Weingüter die groß genug sind, um sich selber um die Exporte zu kümmern, haben Masse zu verkaufen. Dies lässt sich einfacher im Großhandel umsetzen. So hat sich über viele Jahre hinweg ein regelrechter Teufelskreis aufgebaut: Dem Weinliebhaber, der durchaus kritisch genug ist, um sich eine eigene Meinung zu bilden, hat keine Bezugsmöglichkeit. Er wird nicht informiert, in Supermärkten und bei Discounter werden genau die Weine angeboten, die wirklich nicht in die von mir angesprochene Qualitätsklasse fallen. Diese Weine dienen eigentlich nur noch dazu, oben angesprochenes Mythos noch immer am Leben zu erhalten. Der Fachhandel hat keinerlei Anreiz, hochqualitative Weine in Eigeninitiative ausfindig zu machen und anzubieten, logischerweise kann man ja keine Nachfrage von Seiten der Kunden feststellen.

Die Weinhandlungen in Deutschland sind verständlicherweise vorsichtig, aber immerhin offen genug, ein gewisses Interesse zu zeigen. Klar, denn sie kennen sich in ihrem Geschäft aus, man hat schon mitbekommen dass sich bei den Weinen sehr viel in den letzten Jahren getan hat. Hier kommt das nächste Dilemma: Man möchte diese spannenden Weine dann eventuell schon anbieten, aber man benötigt erst einmal die sogenannten Einstiegsweine. Dies sind Weine, die eine richtig ordentliche Qualität aufweisen, und zugleich extrem günstig zu beziehen sind. Sie dienen dazu, Kunden an Weine neuer Anbaugebiete hearnzuführen. Wir sprechen hier nicht über die wirklich herausragenden Weine, sondern über anständige Basisweine. Diese Strategie ist sicherlich nachvollziehbar und mag durchaus dazu führen, dass der zufriedene Kunde beim nächsten Kauf auch mal gerne bereit sind, eine etwas teurere Flasche mitzunehmen. Nun ist es leider grundsätzlich so, dass Weine aus eben diesem günstigen Bereich in Griechenland fast nur von den richtig großen Weingütern abgedeckt werden. Es gibt auch einige Ausnahmen, aber diese sind doch sehr limitiert. Die großen Weingüter sind wiederum diese, die ihre Weine bereits an den Großhandel verkaufen. Mir berichtete vor kurzem ein Weinhändler voller Stolz, dass er italienische Einstiegsweine zu 0,89 Cent die Flasche einkauft. Sorry, da können griechische Weine nicht mithalten.

Idylle pur...

Ich wäre schon in der Lage, Billigwein anzubieten. Aber ich möchte Qualität bringen, spannende Weine zeigen, die dem Konsumenten wirklich ein Erlebnis bieten. Wenn eine Weinhandlung bereit ist, Weine ins Programm zu nehmen, die im Laden für Euro 7 bis 15 angeboten werden, dann können schon schätzungsweise 70%  der richtig interessanten Weine Griechenlands abgedeckt werden. Bis zu Euro 25 sind durchaus 95% der Topweine enthalten. Klar, dies ist nicht wenig Geld für eine Flasche Wein, aber dafür erhält man ein echtes Erlebnis. Spitzenweine aus anderen Ländern kosten dann doch gerne schon mal mehr. In dieser Preisklasse braucht sich keiner der Weine gegen internationale Konkurrenz zu verstecken. Aber auch hier kann man nicht blind jeden Wein aus Griechenland anbieten. Sie sollten schon von der Gruppe der entschlossenen, talentierten Winzer kommen.

Ein weiterer Teil des Teufelskreises betrifft die Etiketten der Weine. In Griechenland gibt es circa 650 Weingüter, in vielen Fällen liegt die Jahresproduktion eines einzelnen Weins deutlich unter 20000 Flaschen. 90% der Weine finden ihren Absatz innerhalb Griechenlands. Für den Exportmarkt wurden die Etiketten in griechischer Sprache mit zusätzlichen Informationen in englischer Sprache gedruckt. Da ein Großteil der exportierten Weine letztendlich in griechischen Restaurants endet, war das jeweilige Weingut dazu verbannt, den griechischsprachigen Teil der Etikette deutlich hervorzuheben. Dies ist zu Recht ein Dorn im Auge vieler Kritiker. Das Drucken von neuen Etiketten kostet Geld. Da jedoch so wenige Weine ihren Weg ins Ausland finden, und fast keine Weine an den deutschen Endkonsumenten verkauft werden, sieht man hier wenig Handlungsbedarf auf Seiten der Weingüter. Diese wären durchaus bereit, ihre Etiketten anzupassen, man möchte nur gerne erst Verkaufsresultate sehen, die dieses Investment rechtfertigen.

Ich sitze hier zwischen zwei Stühlen, da ich beide Meinungen nachvollziehen kann. Für den Produzenten, der bisher 2000 Flaschen nach Deutschland liefert, stehen die Kosten für das Design und dem Druck neuer Etiktetten in keinem Verhältniss. Für die Weinhandlung, die diesen Wein anbieten möchte, ist es unverständlich dass die Etiketten nicht in deutscher Sprache erhältlich sind, da potentielle Käufer so nur weiter verunsichert werden. Ich find dies schade, da es mir darum geht, den Trinkgenuß zu vermitteln. All dies sind gerne vorgebrachte Argumente, um die Entscheidung einen griechischen Wein ins Sortiment aufzunehmen, erst einmal zu vertagen. Andererseits denke ich mir oft, dass dies für den Fachhandel doch ein allzu gern aufgegriffener Vorwand ist, um trotz erhältlicher Qualität nicht den ersten Schritt zu machen. Ernsthaft, wieviele spanische, italienische, oder französische Weinetiketten sind denn in Deutsch gedruckt? Lateinisches Alphabet ok, aber schliesslich sind die griechischen Etiketten zweisprachig. Verwirrende Namen der Weine werden auch gerne als Kritik herangezogen. Nun, Dirk Würtz hat ja auch beachtliche Erfolge mit seinem Geyerscheiss in den USA. Geyerwhat? Und auch ein Zungenbrecher wie Chateau Ducru-Beaucaillou stellen im Ausland kein Problem dar. Hier zählt die Qualität – diese Chance sollte man den Weinen aus Griechenland auch geben.

Ein Weinhändler der übrigens gegen den Strom schwimmt, ist C&D aus Köln. Ich habe dort eine Verköstigung von Agiorgitiko Weinen mit Peer Dörpinghaus, dem Geschäftsführer, durchgeführt. Er war angetan von der Qualität und hat sofort eine Bestellung durchgeführt. Keine Diskussion über Etiketten oder Einstiegsweine. Er hat zielsicher die Weine ausgewählt, die er für seine Kunden am anprechendsten empfand. Dies fand ich beeindruckend – ein Mann der sich richtig auskennt, und Lust hat, etwas Neues zu versuchen, weil er es selber als spannend empfindet. Ein erster positiver Schritt um den Teufelskreis zu durchbrechen.

17 Kommentare »

  1. Friedrich Bolle September 7, 2009 07:12

    Bei Lidl ist bereits der Assyrtiko von Santorini angekommen… wenn auch nur temporär

  2. [...] This post was mentioned on Twitter by Wuertz. Wuertz said: Teufelskreis der Ignoranz – griechische Weine in der Imagespirale http://bit.ly/hno36 [...]

  3. Uli September 7, 2009 09:34

    schwierig, schwierig, wobei m.E. nicht die Etiketten das Problem sind, sondern vielmehr die eingeschränkten Möglichkeiten des Imports. Douloufakis aus Dafnes in Kreta macht einen klasse Wein. Nur ist der selbst auf Kreta schwierig zu bekommen. Und in Deutschland schon garnicht.

  4. Friedrich Bolle September 7, 2009 12:18

    @Uli

    Diesen Douloufakis erhält man in Deutschland:

    http://www.wein-plus.de/griechenland/Douloufakis_59715.html

  5. Burzuko September 7, 2009 17:36

    Bis die griechischen Weine ihre verdiente Anerkennung erhalten werden leider noch Jahre vergehen…Habe selber versucht, teilweise mit Probeflaschen, Weinhändler wachzurütteln um wenigstens ein mal den Kunden gehobenen gr. Wein anzubieten, damit dieser seinen Horizont für neue Geschmackserlebnisse öffnet… Keine Chance, zumindest hier im Norden. Es bleibt das Problem: zu wenig Interessenten, Gewinnmarge zu gering.

  6. Markus Stolz September 7, 2009 18:05

    @Friedrich Bolle: Der Assyrtiko bei Lidl ist ein Einstiegswein beim Discounter – sauber gemacht, leider nicht spannend.
    @Uli: Der Import an sich ist weniger das Problem, sondern das bisher fehlende Engagement des Handels. Ich versuche, diese Lücke zu schließen.
    @Burzuko: Gewinnmargen – diese liegen in der gleichen prozentualen Spanne wie auch bei Weinen aus anderen Ländern. Da ist meiner Meinung nach eher das Problem, das hier laut Handel Zusatzarbeit anfällt, um den Kunden zu überzeugen. Wenn man dafür auch noch berechnet, fallen die EVK Preise im Vergleich zu hoch aus. Da entscheidet man sich doch gerne für andere Weine, auch wenn die Qualität weniger hoch liegt.

  7. Iris September 8, 2009 09:32

    Immerhin gibt es einen engagierten Weinhändler in der Schweiz, bei dem man solche Weine (Zypern gehört ja auch zu Griechenland) bestellen kann – ich glaube, es war Lars Breidenbach, anlässlich einer alten Weinrallye, der als erster darüber berichtete. Weinrallye, der den Hinweis gab:

    http://www.schreiberswein.de/2008/11/17/weinrallye-17-aufbruchstimmung-in-zypern-2/

    Ich habe meine Flaschen (ein Probierpaket mit autochthonen Rebsorten)noch ungeöffnet im Keller, aber in Deutschland ist es sicher einfacher, sich die von Berhard Furler vertriebenen Weine zu beschaffen:

    http://www.paphosweine.ch/

  8. Bernd Klingenbrunn September 8, 2009 20:04

    Die HEPA hat ja in den vegangenen Jahren einige Degustationen organisiert und ich habe vornehmlich am Assyrthiko gefallen gefunden. Tselepos u.a. machen wirklich vorzügliche Produkte, woran es aber z.B. bei diesen Weingütern fehlt ist die “Einstiegsliga” um diese Weine für den Konsumenten preislich attraktiv zu machen. Für die meisten Kunden ist ein Einstieg bei 9-10 € EVP in D zu hoch, um sich diese Weine jeden Tag leisten zu wollen und so auch für Nachhaltigkeit im Handel zu sorgen. Vielmehm müßte sich die verantwortlichen griechischen aber auch deutschen Weinwerbeinstitutionen viel stärker dafür einsetzen, dem Weinfreund klarzumachen, dass griechischer Wein nich nur Retsina ist. Aber an allem ist eh nur Udo Jürgens schuld….

  9. Friedrich Bolle September 9, 2009 19:02

    @Markus Stolz
    “@Friedrich Bolle: Der Assyrtiko bei Lidl ist ein Einstiegswein beim Discounter – sauber gemacht, leider nicht spannend.”

    Wie lange hat es gedauert bis hochpreisige Weine auch bei den Discounter eingezogen sind??

    Und:

    Werden nicht derzeit über 40% alle Weine über Discounter abgesetzt?

    Mit steigender Tendenz…

    Die SMEs im Weinhandel verschwinden …… Der übliche Trend wie auch in anderen Branchen.

    Und was Sie hier als Zusatzarbeit für den Handel beschreiben ist doch ganz simpel gesagt Marketing oder?

  10. Markus Stolz September 10, 2009 10:48

    @Friedrich Bolle: Klar, die Discounter setzen große Mengen ab und haben ihre Strategie angepasst. Ich finde es ja sehr lobenswert, dass hier der Kunde mit Basisweinen an neue Länder herangeführt wird. Die von mir beschriebene Zusatzarbeit des Handels ist letztendlich Marketing. Man muß eben bereit sein, die Weine vorzustellen und den Endverbraucher zu überzeugen. Ähnliches gilt auch für die Gastronomie. Es ist zwar ein erster Schritt, neue Weine ins Programm zu nehmen, dies alleine reicht aber nicht aus. Wenn ein Sommelier beispielsweise einen Wein aus Griechenland auswählt, diesen dann nur auf die Weinkarte stellt, ist es leider nicht genug. Er muss proaktiv sein, und den Wein auch in Gesprächen mit Gästen empfehlen, Hintergrundinfos geben usw. Man kann nicht erwarten, dass der Gast ausgerechnet den Wein auswählt, den er überhaupt nicht kennt.

  11. Markus Stolz September 10, 2009 20:05

    @Bernd Klingenbrunn: Welche Einstiegspreise EVP sind für Dich interessant? Sind 6 bis 7 € mit dabei, oder muss es um die 5 € liegen?

  12. Bernd Klingenbrunn September 11, 2009 13:24

    @Markus Stolz; 6-7 EUR sind perfekt, bei 5€ werden die Kunden skeptisch, “das kann ja nichts sein” Wobei ich noch keinen Wein probiert habe, den man in dem Bereich anbieten könnte.

  13. Markus Stolz September 12, 2009 20:22

    @Bernd Klingenbrunn: 6-7 EUR sind perfekt: Da hätte ich ein paar spannende Ideen – würde Euch gerne vor meiner nächsten Deutschland Reise kontaktieren.

  14. Burzuko September 15, 2009 09:57

    Hatte kürzlich gerade ein paar sehr interessante Tropfen aus dieser Preiskategorie: Evharis Ilaros(Roditis+Savatiano), Palivou Anemos(100% Roditis)und Mercouri Folói( Roditis+ Schuß Viognier).

  15. Patrick Johner September 15, 2009 15:04

    Ach herrlich. Ich kann die gesamte Problematik voll und Ganz nachvollziehen. Ein Kollege von mir versucht zur Zeit hochwertige Portugiesische Weine in Deutschland zu platzieren. Gastronomen und Händler als potentielle Käufer wären vorhanden, nur möchte keiner die Funktion des Importeurs einnehmen. Dafür benötigt man Kapital… Das gleiche Schicksal hatten wir letztes Jahr in Asien… Potentielle Kunden für unsere Produkte sind da. Einen potentiellen Importeur hatten wir auch, der allerdings von seiner Bank keinen weiteren Kredit erhielt und deshalb wieder absprang. Bei vielen fehlt einfach der Mut. Zum Thema Etiketten kann ich nur sagen, dass individuell bedruckte Etiketten mit modernen Drucker finanziell kein Problem darstellen sollte. Einfach Kräfte bündeln und sich gegenseitig helfen…

  16. Markus Stolz September 18, 2009 19:49

    Patrick, danke für den Tipp mit dem Drucker, daran hatte ich bisher noch nicht gedacht. Solltest Du damit Erfahrungen haben, würde ich mich über eine email freuen.

  17. Ralph Januar 3, 2010 20:28

    Wer Interesse an dem wirklich sehr excellenten Douloufakis Wein hat, darf sich an mich wenden: Urban.C-R@Web.de

    Wir sorgen dafür, dass die griechischen BIO Weine die Anerkennung bekommen werden :-)

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