Alles über Wein und den Rest der Welt…

Hardy Rodenstock im Gespräch

Hardy Rodenstock ist einer der bekanntesten Weinsammler und Raritätenhändler der Welt. Seine Weinproben waren und sind legendär. Wir unterhalten uns heute mit ihm über große Weine, deutsche Weine und Weinpreise. Erstmals äußert er sich auch zu den Vorwüfen die ihm gemacht werden, er hätte gefälschte Weine verkauft und Etiketten nachgedruckt.
rodenstock3Würtz-Wein: Sie gelten als einer der bekanntesten Weinsammler und Raritätenhändler der Welt. Wie kam es zu diesem Beruf, oder ist das eher eine Berufung“?

HR: Mitte der 80iger Jahre ist aus dem Hobby ein Beruf geworden.

Würtz-Wein: Für einen normalen Weintrinker ist eine Flasche Wein, die mehr als 20 Euro kostet, purer Luxus. Wie erklären Sie so einem Menschen, dass es Weine gibt, die mehrere tausend Euro kosten?

HR: Wenn man Spaß am Wein hat und das nötige Kleingeld, warum sollte man dann nicht viel Geld für eine Flasche Wein ausgeben? Wenn ein Bild von van Gogh oder Picasso 40 Millionen Euro oder mehr kostet, dann ist der Preis für eine Flasche Wein doch gar nicht so hoch. Wobei ich – ehrlich gesagt – nicht so ganz nachvollziehen kann, wenn ein junger Wein, wie zum Beispiel der 2005er Petrus, bis zu 3.500 Euro die Eintel kostet. Das halte ich für völlig überzogen, da es genug Alternativen gibt. Aber wenn es weltweit viele Leute gibt, die diesen Preis bezahlen, dann ist es in Ordnung. Ich würde mir da von Petrus lieber die Jahrgänge 1966, 1967, 1970, 1971 oder 1975 kaufen. Die sind bedeutend preiswerter als der 2005er. Und das Trinkvergnügen ist weitaus größer.

Würtz-Wein: Was passiert mit den wirklich großen und raren Weinen dieser Welt? Werden die tatsächlich auch getrunken, oder aus welchen Gründen auch immer „einfach nur“ gesammelt?

HR: Es gibt Weinliebhaber, die die Weine genießen, aber es gibt auch reine Sammler und Spekulanten.

Würtz-Wein: Die großen Legenden der Weinwelt, wie ein 45 Mouton oder ein 47 Cheval Blanc, stehen ja nur noch begrenzt zur Verfügung. Wie sieht es denn mit den Weinen der jüngeren Zeit aus? Gibt es da etwas, was Ihrer Meinung nach das gleiche Potenzial zum absoluten Kultwein hat?

HR: Ob es von den heutigen roten Bordeaux jemals einer ein 1870 Lafite, 1900 Margaux, 45 Mouton, 47 Lafleur oder 47 Cheval Blanc wird, wage ich nicht vorauszusagen.

Würtz-Wein: Was sind Ihrer Meinung nach die neuen Flagschiffe des Weins?

HR: Diese Frage stellen Sie besser Robert Parker…

Würtz-Wein: Sie galten auch immer als Spezialist für die Erkennung von Weinfälschungen. In jüngster Zeit sehen Sie sich nun selbst mit derartigen Vorwürfen konfrontiert. Es geht um angeblich nicht echte Flaschen von Thomas Jefferson und Etiketten, die Sie angeblich haben nachdrucken lassen. Insbesondere das Hamburger Magazin „STERN“ hat sich hier auf Sie eingeschossen. Wie fühlt man sich, wenn man derart angegriffen wird?

HR: Naja, da muß ich durch. Wenn im „STERN“ ein 45er Mouton Etikett abgebildet und behauptet wird, dass dieses Etikett von einer Flasche stammt, die bei einer Weinprobe von mir in Hamburg geöffnet wurde, die aber nachweislich leer mit Etikett bei mir im Keller steht, dann erübrigt sich doch jegliche weitere Diskussion. Und wenn ein Etikett abgedruckt wird, von dem behauptet wird, dass es ein Originaletikett sei, jeder wirkliche Weinfreund aber sofort erkennt, dass es sich um ein vom Château nachgedrucktes Etikett aus den 80er oder 90er Jahren handelt, dann erkennt der aufmerksame Leser doch sofort, dass man es leider mit der Recherche nicht so genau nimmt. Leider!

Der „STERN“ konnte nicht ein einziges Etikett, welches ich angeblich vor ungefähr 25 (!) Jahren habe nachdrucken lassen, abbilden. Lieferscheine und Rechnungen, die beweisen, dass ich Etiketten habe drucken lassen, konnte man nicht vorweisen. Peinlich für ein Magazin wie den „STERN“.

Was die Jefferson Flaschen anbelangt, da wurde die Klage von Koch gegen meine Person bei dem New Yorker Gericht abgewiesen. Koch ist in die Berufung gegangen. Schaun mer mal…

Eigentlich ist die Klage eine Farce, denn Koch hat noch nie eine einzige Flasche Wein bei mir gekauft. Er hat seine Flaschen vor ungefähr 20 Jahren bei englischen und amerikanischen Weinhändlern gekauft. Nach deutschem Recht wäre Kauf und Verkauf auch längst verjährt. Interessant, dass Koch den Wein seiner Jefferson Flaschen hat untersuchen lassen. Der Wein war echt. Und in erster Linie geht es um den Wein. Christies´s hatte 1985 die Gravur der in die Auktion genommenen 1787 Lafitte von einem weltweit anerkannten Experten untersuchen lassen. Laut Gutachter waren die Gravuren echt und stammten aus der Zeit.

Würtz-Wein: Im Zuge dieser „STERN“ Geschichte melden sich ja einige zu Wort, die schon immer wussten, dass irgendetwas faul war „im Staate Rodenstock“. Vorzugsweise auch solche Menschen, die früher zu Ihren Proben eingeladen waren. Ein derartiges Phänomen kennt man ja auch aus anderen Lebensbereichen. Salopp formuliert könnte man sagen, man sieht schnell in solchen Situationen, wo die wahren Freunde sitzen. Wie gehen Sie damit persönlich um?

HR: Das ist richtig, da zeigt sich dann wer die wirklichen Freunde sind.

Würtz-Wein: Hat diese ganze Geschichte Auswirkungen auf ihren Beruf? Vergeht Ihnen der Spaß und die Lust am Wein?

HR: Zum Glück haben all diese Kampagnen meinem Geschäft nicht geschadet. Und der Spaß und die Lust an einem guten Wein vergeht mir durch diese Hetzkampagnen bestimmt nicht.

Würtz-Wein: Sie gelten ja als Experte für Bordeaux und Burgund. Auf Ihren Proben gibt es aber auch immer gereifte Gewächse aus Deutschland. Wie ist Ihr Bezug zu deutschem Wein?

HR: Ich liebe natürlich die deutschen Weine, vor allem die Rieslinge. Eines meiner größten Weinerlebnisse war eine 1921 Berncasteler Doctor Trockenbeerenauslese vom Weingut Witwe Thanisch.

Würtz-Wein: Deutscher Spitzenwein hat vor hundert Jahren das Vierfache der bordelaiser Spitzengewächse gekostet und gehörte zu den begehrtesten Weinen der Welt. Glauben Sie, dass deutsche Weine jemals wieder diesen Status erreichen können? Was müsste Ihrer Meinung nach dafür getan werden?

HR: Ich sammle auch alte Weinpreislisten. Und dort entdecke ich zum Beispiel auf Preislisten englischer Weinhändler von vor und nach 1900, dass für alle deutschen Weine der gleiche Preis oder sogar ein höherer Preis gezahlt wurde als für Mouton, Lafite, Yquem und andere Bordeaux Weine.

Es ist sicher einiges falsch gemacht worden von der deutschen Weinwirtschaft in den letzten Jahrzehnten. Viele ausländische Weinfreunde verstehen nicht, dass es von einer Lage einen QbA, einen Kabinett, eine Spätlese, eine Auslese geben kann. Und das Ganze auch noch trocken, halbtrocken oder süß. Das verwirrt. Bei einem Chablis oder einem Wein eines Châteaus weiß er, was auf ihn zukommt. Da gibt es für den Konsumenten allenfalls gut oder nicht so gute Jahrgänge.

7 Kommentare zu “Hardy Rodenstock im Gespräch

  • Pingback: Hardy Rodenstock im Gespräch mit Dirk Würtz « Bad Kreuznach Blog

  • Karl Keule

    wat ein Pfund eine alte Weinlegende im Gespräch mit der neuen Weinlegende dem Enfant terrible der deutschen Weinlandschaft…Glückwunsch zum Interview, das hat so manches Sternenhafte Magazin noch nicht geschafft.

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  • Andreas Bürgel

    Überzeugend, die Verwendung klassischer Logik: wenn Picasso teuer, dann Wein billig. Diese Verknüpfung macht endlich reinen Tisch, lässt in ihrer unumstößlichen Wahrheit buchstäblich Schuppen von Augen fallen. Beispielssätze für materielle Implikation wie etwa: “Wenn es regnet, dann wird die Straße nass” haben angesichts “wenn Picasso, dann Wein” ausgespielt. Das Picasso-Wein – Konditional ist geboren!

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  • Pingback: Lesetipps 18.8.2009

  • Mister Spuck

    Ein ziemlich unterwürfiges Interview. Ich selbst (sehr wenig Ahnung von Wein) war selbst mal Gast auf so einer Rodenstock-Verkostung. Warum war ich eingeladen? Richtig, um als People-Journalist den Ruhm des Meisters zu mehren und abzumalen, was er mir an Preisen und Informationen zu den angeblich teuren Tropfen vorgab. Eine komplette Farce.

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