Alles über Wein und den Rest der Welt…

Sinnkultur als Chance

Vielleicht täusche ich mich ja, aber ich spüre und erkenne einen Wandel im Verhalten der Konsumenten. Statt Massenkonsum und Wohlstandsanhäufung wird beim Kauf von Produkten und Dienstleistungen nach dem Sinn gefragt. Nicht nach dem Sinn des einfachen Erwerbs, sondern vielmehr nach der Sinnhaftigkeit des Produktes. Es wird nicht mehr willenlos konsumiert, sondern bewußt eingekauft. Insbesondere in der Krise. Selbst Statussymbole und Luxusgüter werden da nach ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragt. “Macht es Sinn, das zu besitzen und ist dieses Produkt wichtig für mich”. Genau in dieser Frage liegt die Chance, auch für die Weinindustrie. Mit der Frage nach dem Sinn geht auch die Frage nach der Originalität einher. Ist dieses Produkt “sinnvoll” hergestellt und ist es “wahrhaftig”. Wein kann das sein. Er muss es natürlich nicht. Wein als Produkt ist eigentlich nutzlos, es sei denn man hebt es auf eine emotionale Ebene. Es gibt keinen Bedarf an Wein, der mehr als fünf Euro kostet. Schafft man es aber dieses alkoholische Getränk in eine andere Dimension zu heben, sieht es schon ganz anders aus. Begriffe wie Tradition, Werte und nicht alltägliche Symboliken spielen hier eine große Rolle. Über diese Begrifflichkeiten, wenn man sie denn benutzt und lebt, ist man in der Lage eine Begehrlichkeit zu wecken, die auch in Zeiten der Krise den Erwerb einer Flasche Wein “sinnvoll” erscheinen läßt.

Wein als Statussymbol hat ausgedient. Die Zeiten, in denen man die Weintrophäensammlung stolz präsentiert hat sind vorbei. Sie waren “sinnlos”, denn sie haben sich annähernd im verborgenen einer Gesellschaftsschicht abgespielt, deren Breitenwirkung fragwürdig war. Zu abgedreht und unerreichbar um als massenkompatibles Statussymbol zu taugen. Wein ist heute das, was es schon immer sein sollte. Eine emotionsgeladene Ergänzung und Komplettierung des Lebensgefühls. Richtig hergestellt eines der wenigen “wahrhaftigen” Produkte aus dem Bereich der Lebensmittel. Gerade in diesem Bereich wird in letzter Zeit immer häufiger die “Sinnfrage” gestellt. Kein Wunder, da es ja auch annähernd täglich neue und unappetitliche Schlagzeilen gibt. Ein Wein macht dann “Sinn”, wenn derjenige, der ihn hergestellt hat sich dessen auch bewußt ist und den Sinn offen und klar transportiert. So klar und deutlich, dass der Käufer in seiner “Sinnsuche” zwar unterstützt, aber nicht manipuliert wird, wenn keine falschen und schnell vergänglichen Begehrlichkeiten geweckt werden, sondern vielmehr die emotionale Dimension des “Sinns” in den Vordergrund gestellt wird (Au weia, was für ein Satz…). Diese Dimension ist der ungetrübte (weil wahrhaftige) Genuß, die Freude, der soziale Aspekt des gemeinsamen Genießens und damit die  Tatsache Teil einer  genuß- und “sinnvollen” Kultur zu sein.

Wein ist mehr als Alkohol, Staussymbol, Lebensgefühl und Lebensmittel. Wein ist eine Symbiose aus unglaublich vielen Dingen die sich teilweise rational überhaupt nicht beschreiben lassen. Der “Sinn” einer guten Flasche Wein, ist den Konsumenten auf eine Reise zu schicken, die weder planbar noch wiederholbar ist…

hat!

6 Kommentare zu “Sinnkultur als Chance

  • Andreas Bürgel

    Ist die “Riesenwaschkraft” oder “das beste Persil, dass es je gab” vorteilhafter als ein weniger beworbenes Waschmittel zum halben Preis?
    Da sind sie wieder. Die zwei Fragen.
    Die nach dem Gebrauchswert und die nach dem Tauschwert einer Ware. Fragen, die auch der Würtz stellt – zum Thema Wein.
    “Wein als Produkt ist eigentlich nutzlos” – diese Aussage im obigen Artikel reduziert den Gebrauchswert des Weines auf “eigentlich” null; ein anderer Satz: “es gibt keinen Bedarf an Wein, der mehr als fünf Euro kostet” fixiert den Tauschwert von Wein auf ein bestimmtes Geldäquivalent.
    Das ist sicherlich provokant und von Würtz auch provokant gemeint – denn empirisch hält das keine Minute stand, und Würtz weiß das natürlich auch:
    Wer eine bestimmte Anzahl an Weinen des 5-Euro-Segments geschmeckt hat und sich dann mit Weinen der nächsten oder übernächsten Preisklasse befasst hat, wird sicherlich nicht immer der Preisgestaltung im einzelnen zustimmen können – sollte doch aber tendenziell Unterschiede erkennen.
    Ist dies nicht der Fall, stellt sich die generelle Frage der Fähigkeit zur organoleptischen Prüfung. Gerade der bewusste Einkauf wird – die Fähigkeit zur Weinrezeption vorausgesetzt – eher auf die genussreichere Variante Wein abzielen, auch wenn diese die 5er-Marke deutlicher überschreitet – denn was sollen vier Flaschen vom “Schnäppchenregal”, wenn sie in ihrem Genusspotential auf dem Level einer kalten Pizza rangieren.
    Wenn wir nebenher die Frage der Preisgestaltung mit den Produktionsbedingungen in Beziehung setzen und – sagen wir – einen industriell abgefertigten Laborwein à la Gallo mit einem – sagen wir – handgelesenen Steillagenriesling einer besonders exponierten Parzelle vergleichen … hier viel weiter zu schreiben, erübrigt sich.
    Bleibt also der Kern des Artikels von Würtz als Knackpunkt: der Weinwirtschaft wird es nützen, wenn sie dem Wein (zusätzlichen) “Sinn” verleiht und ihn auf “eine emotionale Ebene” und “in eine andere Dimension” hebt.
    Die Ware Wein solle mit Begriffen wie “Tradition”, mit “Werten” und “nicht alltäglichen Symboliken” verknüpft werden.
    Kurz: der Ware soll eine zusätzliche Ästhetik und eine Verknüpfung über ihren eigentlichen Gebrauchswert hinaus gegeben werden.
    Nun – genau das wird bereits praktiziert.
    Millionenfach.
    Das als weißer Hüne personifizierte Waschmittel und die Schokolade, bei der die Alpenlandschaft eingebaut ist, führen eine lange Reihe warenästhetisch aufgebrezelter Produkte an.
    Und auch bei Wein ist das nicht unbekannt – ich erinnere mich spontan an eine “Spätlese”, mit der ich laut damaliger TV-Werbung “Ehre einlegen” konnte, ein Ereignis, das mit keinem anderen Produkt herstellbar war.
    Gemacht wird so etwas regelmäßig mit Produkten, deren Identifikationsmerkmale eher gering sind, wo eine Verwechslung mit anderen, gebrauchsgleichen Waren droht.
    Wer würde blind das eine Waschmittel vom anderen trennen können?
    Wein, guter Wein definiert sich hingegen selbst. Er muss nur noch als der, der er ist, bekannt gemacht werden.
    Sicher, auch Gallo operiert mit “Werten” und “Traditionen” (family vineyards etc.) um seine Handelsware weltweit abzusetzen. Widerspricht das dem zuvor Gesagten? Wohl kaum; gib doch einmal einem “Turning Leaf” die Chance, sich selbst zu definieren, nimm mal einen Hieb zu dir – was kommt dabei heraus? Eben ein industriell hergestelltes Produkt ohne eigene “Sinnhaftigkeit” und “Emotionalität”. Da bleibt den Produzenten nur die Hoffnung, dass der Witz vom “family vineyard” noch möglichst lange ankommt.
    Guter Wein besitzt von sich aus Originalität. Anders wäre es kein guter Wein.
    Guter Wein kann den Schmeckenden auf eine andere “emotionale Ebene” heben, er muss nicht selbst auf diese gehievt werden.
    Und schließlich: guter Wein eröffnet “andere Dimensionen”, ihm müssen keine angedichtet werden.
    Es sei denn, er ist irgend ein weißer Hüne mit Riesenwaschkraft, kommt aus dem Industrielabor oder er hat sonstige Identitätskrisen.

    @Andreas Bürgel

    Sehr interessant und lesenwert, Deine Ausführungen. Du hast natürlich recht, dass derartige Dinge bereits passieren, was an dem sehr gelungenen Waschmittelbeispiel überdeutlich wird. Aber das ist genau das, was ich nicht meine. Die “andere Dimension” die ich meine, beruht tatsächlich auf der “Wahrhaftigkeit” und nicht auf das bloße Schaffen von Geschichten, die werbewirksam ein anderes Licht auf ein industrielles Produkt werfen. Der Grat ist schmal, dessen bin ich mir bewußt. Wahrscheinlich muss das Thema noch gründlicher diskutiert werden um ganz deutlich die verschiedenen Ebenen und Intentionen der “Wahrhaftigkeit” deutlich herauszuarbeiten. So, dass die “Wahrhaftigkeit” auch bei näherem Betrachten standhält und nicht als Markentinggag verpufft…

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  • Werner Elflein

    Ach du Sch…, wo kämen wir denn hin, wenn das Konsumentenvieh in unserem wachstumsorientierten Wirtschaftssystem jetzt tatsächlich trotz medialer Gehirnwäsche fragt, welcher Sinn dahinter steht? Der Zusammenbruch wäre vorprogrammiert, noch schneller, als es unsere Staatsverschulder vorausplanen.

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  • Friedrich Bolle

    wenn erst einmal an jeder Weinrebe ein rfid tag hängt…….

    @Werner Elflein

    Ach du Sch…. :-) das fällt mir auch nur ein wenn man die Fassade des wachstumsorienten Wirtschaftssystem einmal putzen würde :-)

    Sie unser Finanzsystem :-)

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  • Volker

    Ein riesiges Feld, dieses Thema. Es geht um Markenbildung, um in die Köpfe der Verbraucher zu kommen und dort ein bestimmtes und positives Bild zu verankern. Gallo macht das, hier ist schon “Gallo” eine Marke, die es schafft, ein Bild von qualitativ gutem kalifornischen Wein zu erzeugen. Es erscheinen Bilder kalifornischer Landschaft, Einklang mit der Natur, Familienbetrieb. Von industriellem Massenprodukt keine Spur…
    Auch die deutschen Winzer, sofern sie nicht für das Billigsegment produzieren wollen/können, müssen selbst zu einer Marke werden. Wobei ich mir schwer vorstellen kann, wie sie über den Kreis der stärker Weininteressierten hinaus bekannt werden sollten. Wer nicht im LEH/Discounter im Regal steht, hat eine viel geringere Sichtbarkeit. Bleiben regionale Bekanntheit und die Fachmedien. Die werden aber nur von einem engen Leserkreis beachtet. Wenn das die anvisierte Zielgruppe ist, dann ist es gut. Aber wie die breite Masse erreichen und hier auch ein Bewusstsein für das Preissegment > 5€ erreichen? Dazu müssten auch Massenmedien Aufkärungsarbeit betreiben. Welche Produktionskosten entstehen bei der Weinbereitung? Welche Abstriche muss ich machen, wenn ich Wein unter 5€ kaufe? Sprich welche Erzeugungsmethoden müssen dann eingesetzt werden, und will ich dann noch so einen Wein trinken? Den meisten wird das unbekannt sein, Wein ist halt Wein, und dann tuts auch der für 1,99€. Es sei denn, ALDI & Co preisen Hochwertiges in der Aktion an, dann zahlt man auch mal 19,90 € und ist der Meinung, ein Schnäppchen gemacht zu haben und fühlt sich stolz wie Oskar, zu den Weinkennern zu gehören, die sich große Weine leisten können.

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