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Der Elfenbeinturm der Objektivität

Selten wurde in der deutschen Weinszene etwas emotionaler und heftiger diskutiert als die aktuelle Gault Millau Geschichte. Nicht nur die Winzer “streiten” sich mit den Kritikern und untereinander, auch durch das journalistische Lager zieht sich ein tiefer Graben. Zwist und Zank überall. Doch was ist eigentlich mit denjenigen um die es final geht, die Konsumenten und Leser der Weinführer und Weinmedien?

Ausser in Ansätzen in einem Internetforum kommt diese Gruppe eher gar nicht vor. Wieso wird diese Zielgruppe nicht einmal gefragt was sie will, welche Medien sie benutzt und warum? Die Weinwelt dreht sich gerade um sich selbst, zumindest was die “Stammspieler” angeht. Dieses Gefühl beschleicht mich jedenfalls in den letzten Tagen. Natürlich ist der “Boykott” und die damit verbundene Aufregung ein gefundenes Fressen (logischerweise auch für uns hier). Natürlich müssen und werden in diesem Kontext wichtige Fragen gestellt. Aber die wichtigste aller Fragen fehlt bisher. Nämlich die nach den “warum”. Warum sinken die Auflagen der Weinmedien jegliche Couleur? Ob Magazin, ob Buch, ob Guide. Alle sind doch gleichermaßen von einem Rückgang betroffen. Daraus resultierten ja dann wohl auch die Überlegungen innovativer Finanzierungsmodelle. Die Antwort ist doch eigentlich ganz einfach: “Weil den Leser das alles nur noch mäßig interessiert”. Deswegen lohnt vielleicht einmal ein Blick hinaus aus dem Elfenbeinturm. Bevor ich ein bestehendes Produkt finanziel tragbarer mache (das gilt ganz allgemein), muss ich es doch ersteinmal inhaltlich so interessant gestalten, dass es beim Konsumenten auch einen Kaufreflex auslößt. Oder sollte ich mich da täuschen? Die, nennen wir es einmal “Krise”, der deutschsprachigen Weinmedien resultiert doch letztendlich auch aus der Tatsache, dass über Jahre hinweg nichts wirklich spannendes geboten wurde. Es wurde ” neu aufgelegt”, “zusammengelegt”, “hin und her verkauft” oder auch “abgewickelt”. Mit dem Ergebnisse, dass sich nichts Entscheidendes getan hat.

Hin und wieder hatte ich das Gefühl, dass es auch gar nicht gewünscht war auf die Interessen der Konsumenten einzugehen. Viele der Weinjournalisten, und das möchte ich jetzt nicht beleidigend verstanden wissen, haben sich doch nicht wirklich dafür interessiert, was der Leser will, lesen und denken könnte. Vielmehr ging es doch zu oft darum, was Kollegen und Winzer denken. Ich glaube nicht, dass das in der Absicht der Journalisten lag. Ich denke das war diversen Sachzwängen geschuldet und hat irgendwann eine gewisse Eigendynamik bekommen. Eine Dynamik mit dem Resultat, dass sich diese Publikationen von ihrer originären Zielgruppe entfernt haben. Diese Zielgruppe hat darauf letztendlich reagiert, nämlich mit der Entscheidung diese Produkte nicht mehr zu kaufen. Ich finde das eigentlich relativ einfach.

Weniger einfach ist die, auch hier in den Kommentaren unseres Blogs, oftmals in diesem Zusammenhang gestellte Frage, was objektiver Weinjournalismus ist, und ob es diesen überhaupt geben kann. Das ist sicherlich schwerer zu beantworten. Natürlich wäre es am Besten, wenn ein Weinführer genauso testen würde wie ein Restaurantführer. Inkognito und gegen Bezahlung. Will heißen, der Weinkritiker X schickt einen Bekannten in das Weingut Y. Der kauft im Auftrag und mit dem Geld des Kritikers die Weine und diese werden dann verkostet und bewertet. Klingt toll, dürfte praktisch aber kaum realisierbar sein. Oder kommt es nur mal auf einen Versuch an? Das Ganze hätte natürlich einen enorm hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand. Aber es wäre frei von jedem “Geschmäckle”. Bliebe dann nur noch die Frage, ob das dann auch den potenziellen Käufer interessieren würde. Und zwar so sehr, dass er das Buch oder was auch immer kaufen würde. Das wage ich allerdings momentan zu bezweifeln. Ich glaube, dass die Zeit der klassischen Weinführer wie wir sie bisher kennen dem Ende zugeht. So wichtig diese Titel in den vergangenen zwanzig Jahren waren (insbesondere auch für die Renaissance des deutschen Weins), so überholt sind sie teilweise auch. Der Konsument ist mündiger und in seiner Informationsbeschaffung freier und zwangloser. Nicht zuletzt eben durch das Internet.

Es geht hier also um etwas ganz Grundsätzliches, nämlich die Frage aller Fragen: “Wie sieht der erfolgreiche Weinjournalismus der Zukunft aus?” Wer diese Frage beantworten kann und die passende Problemlösung parat hat, der hat die “eierlegende Wollmilchsau”. Und damit ganz sicher auch den in allen Bereichen notwendigen Erfolg. Dafür gibt es allerdings eine unabdingliche Grundvoraussetzung. Das Herabsteigen aus dem Elfenbeinturm.

10 Kommentare zu “Der Elfenbeinturm der Objektivität

  • pivu

    Ich bin gegen blinde Verkostungen, wer mehr weiß, der schmeckt mehr, und der kann den Wein letzlich besser einschätzen. Jeder Verkoster hat persönliche Vorlieben, die in seine Wertung einfließen, egal ob blind oder offen verkostet wird.

    Von einem Profi, von jemanden, der diesen Job ernst nimmt, erwarte ich allerdings, dass er sich von persönlichen Gefühlen nicht leiten lässt und jedem Wein die gleiche Chance gibt, egal ob von Winzer x oder y.

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  • mikel

    vielleicht wäre die Erkenntnis auch nicht schlecht, dass Wein getrunken wird und nicht gelesen, wie in Restaurants gegessen wird und das nicht von Zeitungen, vielleicht auch die Erkenntnis, dass es WEIN-Journalismus gar nicht geben muss, weil Wein Wein ist und es unglaublich langweilig wird jedes Jahr das Gleiche zu lesen, was soll es auch aufregend Neues geben?

    Mir sind Blogs oder ähnliches wie dieser hier wesentlich lieber, als die Schreibe, an deren Objektivität ich nicht glaube, nie erwarten würde. Wer glaubt Empfehlungen in Computerzeitschriften in Automagazinen?

    Nur mal so dahin gesagt, als Zielgruppe. Zielgruppe Wein, zum trinken und bleibt mir fort mit den Heftchen für dies und Heftchen für das..

    nur meine 5 cent

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  • Eckhard Supp

    Emotionen, Emotionen, Emotionen.

    Wein ist ein extrem personengebundenes, hoch emotionalisiertes Produkt. Dem tragen die meisten Publikationen keine Rechnung. Das ist auch ein Stück Selbstkritik. Weg mit der Langeweile, her mit der Subjektivität, der polarisierenden Meinung, der Authentizität.

    Da sind Fragen wie Blindverkostung, Wein mit Essen bewerten etc. erst einmal völlig sekundär.

    @Eckhard Supp

    “Weg mit der Langeweile” ist der entscheidenste Satz!

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  • Volker

    Ich kaufe mir keinen Weinführer, weil ich nicht alle alle 2000 Bewertungen lesen möchte und benötige. Werde ich auf ein Weingut aufmerksam (Zeitschrift, Zeitung, Empfehlung, Internetseite, Blog etc) lese ich aber gerne eine einzelne Bewertung gezielt nach (schön, dass das beim weinguide online möglich ist!). Mir ist es relativ egal, ob einzelne Bewertungen nicht gänzlich objektiv sind und im Hintergrund Verstrickungen vorliegen, solange das Urteil einigermaßen der Realität entspricht. Ob ein Wein nun 89 oder 92 Punkte verdient, entzieht sich meiner Einschätzung als Weininteressierter sowieso.

    Und hier ist vielleicht auch ein Punkt gelagert, dass Weinpubliktionen ihr Publikum nicht richtig erreichen. Weil um Einzelpunkte gerungen wird in Punktbewertungen, die die allermeisten Konsumenten gar nicht nachvollziehen können. Auch ob blindverkostet oder nicht ist den meisten wurscht, weil sie ihren Wein nicht blind trinken, da geht es eher darum, Wein zum Essen (welches) oder solo.
    Irgendwann sind auch mal alle Themen für eine Zeitschrift abgehandelt, dann fangen Wiederholungen an. Häufig wird über Weine und Gegenden geschrieben, die die meisten Leser gar nicht trinken (können, weil weit über dem eigenen Budget) und wo sie nie hinreisen. Wer hat schon die Möglichkeit, gezielt eine Region des Weines willen zu reisen? Das dürfte nur eine sehr kleine Zielgruppe treffen.
    Mein Eindruck ist, dass die Zeitschriften eine sehr spitze Zielgruppe erwischen, die sich absolut für Wein interessieren und darin ein leidenschaftliches Hobby oder ihren Beruf haben. Der Weintrinker, der zwar schon so weit ist, Weine ab 5 € zu trinken, wird davon auch nicht so wirklich erreicht, da viele Inhalte für seine Situtation nicht zutreffen. Und was hilft mir eine breite Rieslingprobe, wenn als Bezugsquelle häufig nur das Weingut genannt ist? Ich kann schlecht quer durch die Republik fahren, um einzelne Flaschen zum Probieren zu kaufen. Wer nimmt mir die Arbeit der Vorrecherche ab, welche Händler (online und offline) den Wein bietet? Das wäre ein Service am Leser.

    Die Informationsbeschaffung via Internet scheint mir noch nicht so weit gediehen zu sein. Zu viele Erzeuger sind noch nicht oder nicht ausreichend im Internet präsent und andere Online-Medien bieten keinen Gesamtüberblick sondern nur einzelne Streiflichter.

    Ich fände es daher als Verbraucher schade, wenn es keine Weinfüher mehr gibt, da es für mich schon eine gewisse Orientierung bietet, wenn ein Winzer seine Weine damit auszeichnen kann. Schade auch, dass die Winzer den Gebrauch dieser Auszeichnungen als selbstverständlich achten und empört sind, für das Recht und die Werbewirkung bezahlen zu müssen.

    @Volker

    Fantastischer Kommentar! Endlich mal einer, der sagt was er will. Das bedeutet, wir müssen ein Portal schaffen, das breit informiert, im Zweifelsfall beschafft oder bei der Beschaffung hilft und nur sekundär wertet. Verstehe ich das richtig?

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  • Michael Pleitgen

    wenn ich mit dem blonden Bergfex nicht kann, gehe ich das nächste Mal mit dem dunklen. Beide Male stehe ich am Gipfelkreuz.

    Den Absolutheits-Anspruch haben sich die Weinpäpste häufig selbst gezimmert. Damit kann man nur scheitern, denn auch Götter fehlen. Siehe Robert Parker

    Es wird ganz wichtig, zu diskutieren, warum sich das Publikum abwendet. Ein paar Gründe habe ich versucht gestern aufzulisten. http://bit.ly/3xLN6J

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  • felix

    Bitte vergessen Sie nicht, dass es eben viele verschiedene Gruppen von Weintrinkern gibt. Und die wollen eben nichts bis ganz viel über Wein wissen. Für wen macht man jetzt Weinführer oder Bloggs?
    Ich persönlich finde das nett, dass man am Jahresende mal in den GM, den Eichelmann, Wein Plus, Feinschmecker etc. gucken kann … das ist doch das was Weinfreaks wollen. Lesen, gucken, probieren und drüber diskutieren. Da gibt der GM doch reichlich Futter: Keine Blindverkostungen, polarisierender Chefredakteur usw.. Und dann im Internet rumnölen. Das ist doch gerade eine Riesensause was abgeht. Das macht Spaß! (und ist wirklich nicht ironisch gemeint!)
    Herr Scheuermann hat übrigens recht: Eine lustvolle Subjektivität (da könnten sich auch einige Blogger noch ne Scheibe zulegen!) ist ne coole Sache.
    Aber für die lustvolle Subjektivität muss man die Trinker-Notierer (Nenn ich mal so, anstatt Verkoster) eben als Persönlichkeit aufbauen, damit die “Leser” mit den subjektiven Angaben was anfangen können. Und dann werden sich die Geister an den einzelnen Persönlichkeiten wieder scheiden.
    Aber gerade deshalb muss man es rollen lassen! Weiter so beim Diskutieren! Ich hab Spaß dabei!

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  • Peter Jakob

    Ich glaube, dass zum momentanen Rückgang der Weinpublikationen im Allgemeinen auch massiv die Redundanz der publizierenden Weinszene beigetragen hat. Schaut man sich mal an, was in den letzten Jahren an Büchern über Wein auf den Markt gespült wurde, so ist doch eine mangelnde Abwechslung der Thematiken zu konstatieren. Es wollten eine Menge Weinjournalisten aber auch öffentlichkeitsuchende Sommeliers mit einem Buch auf dem Markt vertreten sein – und auch jeder Verlag am Weinbuchmarkt partizipieren. Letztendlich boten diese Bücher alle nur eines – das immer gleiche Basiswissen. Natürlich gab und gibt es auch Publikationen außerhalb dieses Segments, diese findet man dann aber nicht in den Regalen der Buchhandlungen und muss deren Existenz also zunächst recherchieren. Es liegt doch auf der Hand, dass hier das Verkaufspotential eingeschränkt ist, braucht man wohl kaum zwei oder drei Einführungswerke. Wenn also weiterhin die immer gleiche Art von Büchern nur unter anderen Layouts oder neuen Auflagen auf den Markt kommt, kann dies doch nur zu einem Niedergang dieses Publikationssegment führen.
    Auch haben sich das Weinwissen verändert. Es gibt zwar eine immer größer werdende Zahl von Weinkonsumenten, doch fehlt dieser Konsumentenschicht weitgehend das Interesse sich Expertenwissen anzueignen. Man sieht dies gut an der Veränderung der Weinetikettierung, die sich immer übersichtlicher und kundenfreundlicher präsentiert – das heißt aber auch, dass die Kundschaft nicht mehr willig oder fähig ist, sich über die Weine zu informieren, die sie konsumiert. Ich vermute mindestens 85% der Weintrinker können nicht ein Burgunderetikett analysieren. Ergo kann durch dieses limitierte Interesse und dem diesbezüglichen Entgegenkommen die weitere Grundversorgung leicht online abgedeckt werden. Dass dies der weiteren Entwicklung des Buchmarktes abträglich ist, liegt m.E. auf der Hand.
    Daneben erscheint es mir auch – gemessen an der Käuferzahl – eine übergroße Anzahl von Weinguides zu geben. Wenn man davon ausgeht, dass die Mehrheit ihren Wein im Supermarkt kauft, dann falle diese schon mal als Käufer eines Guides raus (außer natürlich für „Die besten Supermarktweine“- Guides). Daneben lassen sich viele Konsumenten sich von ihren Weinhändlern beraten – sind sie doch auch von deren Sortiment abhängig. Auch gilt für viele Parker als höchste Instanz – ist er als Jurist doch bestimmt auch ein ehrlicher Makler ;-) . Jetzt erhält man als Kunde noch Informationen zu Weinen aus Blogs, aus Weinkolumnen wie z.B. von Stuart Pigott in der FAS aber auch aus anderen Zeitungen oder liest noch den Feinschmecker & Co. Neben den Decanterempfehlungen, Tipps vom Wine Spectator, dem Falstaff etc. pp., wer liest da auch noch Gault Millau, Eichelmann,…? Und soll man auch noch jedes Jahr viel Geld in die Aktualisierung der Weinguides stecken – man braucht ja noch den Gambero Rosso, Pigotts kleinen genialen Weinführer und natürlich noch den kleinen Johnson. Der Markt ist daher meines Erachtens völlig übersättigt und nicht vernünftig ausgerichtet.
    Es gibt einfach zu viele Werke, die identische Segmente abdecken aber leider gleichzeitig viel zu wenige Segmente innerhalb des Publikationsangebots. Vielleicht muss hier die Branche mal eine reinigende Krise durchmachen, so dass am Ende die Redundanz und das Gesamtangebot wieder auf ein vernünftiges Maß reduziert wird. Und dann generell bitte mit mehr Abwechslung und wieder etwas höherer Qualität, auch in der verbliebenen Breite.

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