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Gastkommentar von Jean-Pierre Ritler, Geschäftsführer der Zeitschrift “Merum”

Im Zuge der aktuellen Diskussionen um den Gault Millau hat mich heute Jean-Pierre Ritler, der Geschäftsführer der Zeitschrift “Merum”, kontaktiert. Er hat einen sehr interessanten und bemerkenswerten Gastkommentar zur Frage der Finanzierung des Weinjournalismus verfasst, den ich gerne veröffentliche.

Leser erheben den Anspruch, kompetent und unabhängig informiert zu werden. Dass dieser Art Journalismus Geld kostet, steht außer Frage.  Die Frage ist vielmehr, woher das Geld kommen soll. Kann man wirklich mit gutem Gewissen Geld von Produzenten nehmen, und danach noch immer behaupten, unabhängig zu sein? Ich sehe da einen Widerspruch, den ich nicht auflösen kann.

Logisch und richtig ist es doch, das Geld von den Leuten zu nehmen, die diesen unabhängigen Journalismus auch einfordern. Also von den Lesern. Unseren Lesern sind wir verpflichtet, sie sind unsere Auftragsgeber – und sie müssen für diese Leistung auch bezahlen. Nur so können sie aber auch sicher sein, dass der Journalist wirklich seine Pflicht tut. Leider wird dieses Grundprinzip von den Medien immer mehr vergessen.

Natürlich, es ist viel einfacher, Geld von Produzenten zu nehmen, gefällige PR-Artikel zu schreiben und die Rechte des des Lesers hintenanzustellen. Aber es ist eben auch ein Weg ohne Zukunft. Wer an seinem Lesern vorbeischreibt, der verliert sie. Und auf lange Sicht merken die Leser immer, wenn ihnen Unabhängigkeit versprochen, aber etwas anderes vorgesetzt wird.

So haben jetzt viele Medien das Problem, dass sie entweder Leser verlieren oder diese nicht bereit sind, für die Leistungen genügend zu bezahlen. Der einfachere Weg hat sich als Sackgasse erwiesen, aus der nur sehr schwer herauszukommen ist.

Der andere Weg, sich den Lesern zu verpflichten und damit auch von Ihnen bezahlt zu werden, ist wohl viel mühseliger und oft auch weniger lukrativ. Aber es gibt ihn und er funktioniert, wie Merum beweist. Wir haben uns ein knallhartes Redaktionstatut gegeben, der die Redaktion von externen Einflüssen komplett abschließt (wie viele Weinmedien haben ein solches Statut?). Unser Geschäftsmodell orientiert sich an den Interessen unserer Leser, kein Merum-Produkt wird kostenlos verteilt – wer Qualität will, muss dafür auch bezahlen. Als Gegenleistung bemühen wir uns, unseren Lesern mit reinem, unabhängigem Journalismus nützlich zu sein. Und dies tun wir kompromisslos.

Früher wurden wir ob dieser kompromisslosen Haltung belächelt. In der heutigen Zeit, in der die meisten Weinmedien in der Krise sind, geht es uns so gut, dass wir die Redaktion ausbauen und neue Produkte lancieren können.

Eine Krise ist immer auch eine Chance. Vielleicht motivieren die aktuellen Diskussionen den einen oder anderen Verleger oder Herausgeber, über diese grundsätzlichen Fragen zu sinnieren und vielleicht einen neuen Weg einzuschlagen. Eine gestärkte unabhängige Weinberichterstattung würde uns allen nützen.

Jean-Pierre Ritler
Geschäftsführer Merum

6 Kommentare zu “Gastkommentar von Jean-Pierre Ritler, Geschäftsführer der Zeitschrift “Merum”

  • Friedrich Bolle

    Ein sehr guter Kommentar. Wenn man sich das Verhalten der Washington Post (einer doch sehr seriösen Zeitung/siehe auch Watergate etc).

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/696/479190/text/

    anschaut, dann sollten wir Leser (ob online oder print ) zunehmend Transparenz fordern.

    @Friedrich Bolle

    So wie ich die Sache sehe, wird Transparenz zukünftig das entscheidenste Kriterium sein. Darüber machen sich momentan nur leider die Wenigsten wirklich Gedanken.

    Reply
  • Christina Wunder-Semmlinger

    Vielen Dank für diesen klärenden Bericht des Merum Herausgebers. Die ganze Geschichte beweist mit nur, dass meine Ahnung richtig war und ich weiterhin Bewertungen jeglicher Art kritisch gegenüber steh.

    Reply
  • Thomas Günther

    Diesen Gastkommentar finde aus mehreren Gründen sehr reizvoll.

    1.) Er arbeitet ohne jegliche nicht beweisbare Unterstellungen.

    2.) Er vermeidet Polarisierungen und vernimmt sich auf Erfahrungen.

    3.) Die im Hintergrund dieser ganzen Auseinandersetzung stehende Fragestellung nach qualitativ hochwertigem Weinjournalismus / Weinbewertungen in der Zukunft wird gestellt.

    Gerde diese Frage scheint mir doch von vielen denen, die da jetzt in Klein-Bloggersdorf lauthals (egal in welche Richtung) poltern, zum Teil gar nicht verstanden und noch viel weniger beantwortet zu werden.

    @Thomas Günther

    Insbesondere Punkt 3 finde ich sehr spannend…

    Reply
  • Friedrich Bolle

    Zum Thema miteinander sprechen oder neudeutsch kommunizieren:

    “Der Verlag will nun auf die Winzer zugehen. Das den Winzern angebotene Paket sei natürlich “völlig unabhängig“ von der Aufnahme in den Wein-Guide und von der Bewertung. “Wir waren in der Kommunikation dieses Punktes nicht klar genug“, sagt Hahn”

    http://www.sueddeutsche.de/,tt2m1/leben/897/479389/text/

    Aufschlußreich sind auch die Begriffe, die in der Diskussion fielen:

    Die Welt spricht vom Krieg

    Die SZ vom Aufstand

    Mario Scheuermann im ersten Kommentar:

    Sturm im Weinglas

    dann von der ” Verlogenheit ”

    und vom Schicksal von Florian Geyer (Tod durch Erstechen) und von Franz von Sickingen (indirekter Tod durch eine Kanonenkugel)

    dann gibt es die 14er Bande (wurde die 4er Bande nicht hingerichtet? )

    und dann der Maulkorb…..

    Soviel zu Thema Kommunikation:

    Und wo bleibt eigentlich der Weinkunde ???

    Die Weinglasgefechte erinnern mich sehr an die Streitereien im deutschen Karnickel-Verein.

    Als Außenstehender frage ich mich schon ob hier nicht die Verbandsobersten noch Bodenhaftung haben. Mario Scheuermann schreibt:
    einige regionale Verbandsfürsten des vdp sind stinksauer.

    Bereits 1790 sang man in Paris:

    ça ira, ça ira, ça ira !

    http://fr.wikipedia.org/wiki/Ah_!_%C3%A7a_ira

    “les aristocrates à la lanterne”

    Wieviele Kunden fragen sich z.B. ob die Bewertungsmethoden des Gault-Millau koscher sind.

    Reply
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