Qualitätsjournalismus zum Nulltarif? – ein Gastkommentar von Hans Naumann

Seit einiger Zeit nehmen die Abgesänge auf die Printmedien kein Ende mehr. Allerorten, insbesonder im Internet, wird diesen Medien eine düstere Zukunft prophezeit. Auch wir auf unserem Blog haben uns mehrfach kritisch mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Jetzt ist es an der Zeit, auch einmal einen Vertreter der Printmedien zu Wort kommen zu lassen. Hans Naumann ist freier Journalist. Er schreibt seit vielen Jahren für diverse Print-Publikationen.Die dieser Tage zum Thema Zeitungssterben gelesene Formulierung hat mir gut gefallen: “Fast wird der Abgesang auf den Journalismus zur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für reisende Apokalyptiker.” Richtig ist sicherlich, dass die über den großen Teich zu uns herüberschwappenden Zahlen mittlerweile dramatische Ausmaße angenommen haben. Tag für Tag machen dort Zeitungsverlage dicht. Richtig ist aber auch, dass die deutsche Presselandschaft mit ihren Vertriebsstrukturen und Lesegewohnheiten nicht mit dem US-Markt gleichzusetzen ist.

Zudem gilt es zu differenzieren. Print ist nicht gleich Print und Tageszeitung nicht gleich Tageszeitung. Die Frage ist doch: Welche Zielgruppe welches Produkt am ehesten im Netz sucht und auch findet. Das Special-Interest-Angebot für Angler oder Weintrinker, das politisch orientierte Wirtschaftsmagazin, die beim Friseur ausliegende Yellow-Press-Lektüre, die überregionale Tageszeitung oder das Lokalblatt mit den Glückwünschen zur Goldenen Hochzeit?

Aber bleiben wir bei der Tageszeitung. Was tun, wenn sich Verlage durch herkömmliche Vertriebs- und Anzeigenerlöse nicht mehr finanzieren können. Hat eine Zeitung nicht auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe? Durch welches Medium wurden in den vergangenen Jahrzehnten die meisten Skandale aufgedeckt? Wollen wir tatsächlich tatenlos zuschauen, wie sich Informationswege verändern und möglicherweise gezielt manipuliert werden? Läßt sich so genannter Qualitätsjournalismus – so es ihn noch gibt – künftig auch im Netz wiederfinden?

Und wenn ja, wie und wo finde ich ihn? Mit gezieltem Griff wie heute beim Zeitungshändler, wo ich auf einem Blick die Spreu vom Weizen trennen kann? Blitzschnell entscheiden kann, was ich lesen möchte und was nicht. Und wer finanziert Qualitätsjournalismus im Netz? Das momentane Angebot an Netz-Zeitungen ist für die einen, die User, zwar in der Regel kostenlos, für die anderen, die Verlage, damit aber noch lange nicht umsonst. “Wie finanziere ich meinen Online-Auftritt zumindest kostendeckung” ist längst zur 1-Million-Euro-Frage geworden.

Solange diese aber nicht beantwortet ist, bedienen sich die Verlage schon heute mehr und mehr kostengünstiger Lösungen wie Leiharbeiter, Dauer-Praktikanten oder gar so genannter Leser-Reporter. Aber wollen wir Leser das wirklich?  Und wenn nicht, wo sind die Alternativen? Die privatwirtschaftliche Lösung durch Stiftungen und Unterstützungsfonds etwa? Die medienpolitische Lösung aus einem öffentlich-rechtlichen Topf, vergleichbar mit Rundfunkgebühren? Die bildungspolitische Lösung durch unterstützende Mittel der Bundeszentrale für politische Bildung? Oder die wirtschaftspolitische Lösung u.a. durch die finanzielle Kostenbeteiligung von Suchmaschinenportalen wie Google News oder Yahoo News als Gegenleistung für eine auch weiterhin uneingeschränkte Verlinkung von Texten und Bildern?

Der Hamburger Journalistik-Professor Stephan Weichert hat erst jüngst die unterschiedlichsten Rettungs-Szenarien aufgezeichnet.  Letztendlich ist alles eine Frage des Preises. Mein Fazit: Zeitungssterben ist keine unabdingbare Folge der Evolution. Dabei tatenlos zuzusehen, nur um später einmal sagen zu können, es habe ja so kommen müssen, ist nicht nur verantwortungslos, sondern auch grob fahrlässig.

2 Kommentare »

  1. Michael Pleitgen Juni 16, 2009 09:43

    Hier ein paar gedanken zu alternativen Finanzierungen: Huffington Post Investigative Fund, Modell Wikipedia http://bit.ly/vJvaE

    Und hier zwei Beispiele wie Regional Medien mit Bürgerbeteiligung im Internet aussehen können: Landkreis Barnim/Brandenburg http://bit.ly/T0wv9 (die zuständige Tageszeitung wird 100 km weiter weg in Frankfurt/Oder produziert) und Freiburg im Breisgau http://bit.ly/VO8Kc (mit der Badischen Zeitung gibts hier eine der letzten konzernfreien Tageszeitungen mit Vollredaktion in Deutschland).

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