Alles über Wein und den Rest der Welt…

Stephan Reinhardt im Gespräch

Stephan Reinhardt ist einer der wenigen Autoren, die neben hochwertigen Fachpublikationen wie „Weinwisser“, „The World of Fine Wine“ oder „Der Feinschmecker“ auch in überregionalen Printmedien wie „Süddeutsche Zeitung“. „Welt am Sonntag“ und „die tageszeitung“ zu Wort kommen. In einem übrigens nicht nur kenntnisreichen, sondern auch sehr erfrischenden und pointierten, mitunter ironischen Schreibstil. Was mir besonders gut gefällt, dass Stephan Reinhardt allürenfrei und trinkfest ist und dass man mit ihm Klartext sprechen kann, ohne hinterher mit Worten gemeuchelt zu werden.
reinhardtWürtz-Wein: Wie bist Du zum Thema Wein gekommen?

Stephan Reinhardt: Zunächst einmal bin ich vor ihm geflüchtet, denn zuhause gab es in den 1970ern nur recht saure, für Diabetiker geeignete Nahe-Rieslinge. Allerdings gebe ich zu, dass ich damals gewiss 30 bis 35 Jahre jünger war als heute und die kulinarische Reife womöglich noch nicht erreicht hatte, um diese Weine ehren zu können.

Würtz-Wein: Wie hast Du dann die Kurve doch noch bekommen?

Stephan Reinhardt:
Als Student und später als Halbtagswissenschaftler in München jobbte ich in einer Weinhandlung, wurde gar ihr Geschäftsführer. Die ersten beiden Weine, die ich dort 1991 probierte und die mich faszinierten, waren ein weißer Bergerac und ein weißer Bordeaux. Meine Passion gründet letzten Endes also im Sauvignon blanc. Heute bin ich darüber hinweg.

Würtz-Wein: Wie siehst Du die aktuelle Situation des deutschen „Qualitätsjournalismus“ in Sachen Wein? Gibt es „Qualitätsjournalismus“ in diesem Bereich?

Stephan Reinhardt: Das hängt davon ab, was man unter Qualität und sogar unter Journalismus versteht. Ist jeder, der ein Weinglas halten, Aromen reihen und von 50 bis 100 zählen kann ein Journalist? Ist, wer nur Weine verkostet und bewertet, ein Journalist?
Für mich ist Journalismus zunächst mal Neugierde, Unvoreingenommenheit, das Auffinden von relevanten Themen und Geschichten, eine fundierte Recherche mit klugen Fragen sowie eine sprachlich und dramaturgisch gute, verständliche Darstellung. Unsereiner ist dabei der Arrangeur und Moderator, mitunter auch der Kommentator. Wo wir aber dogmatisch, besserwisserisch oder rechthaberisch auftreten, sind wir zu selbstgefälligen Schwadroneuren geworden. Hier hat sich dann auch die Qualität erledigt. Übrigens auch dort, wo eine all zu gemütliche oder anekdoten- oder floskelreiche Schreibe auf einer Glatze eine Locke dreht anstatt auf das Erzählenswerte zu fokussieren.
Guter Weinjournalismus benötigt daher vor allem gute, verständige Redakteure und natürlich ein Medium. Das muss kein Fachmagazin sein. Überhaupt: Was ist ein Fachmagazin? Monothematische Seichtheit? In der F.A.Z. lese ich zuweilen kenntnisreichere und besser fundierte Berichte zum Thema Wein als in vielen vermeintlichen Fachmagazinen. Leider wird von Weinautoren vielerorts nicht mehr verlangt als das Erstellen von Einkaufslisten, die allenfalls noch mit dünnen Informationen garniert werden. Man solle die Leser nicht überfordern, heißt es immer, übrigens auch in Fachredaktionen. Ich glaube allerdings, dass man die Leser umgekehrt nicht unterfordern sollte. Meine 10-jährige Erfahrung im Fachhandel hat mich gelehrt, dass man selbst Ahnungslose für Wein begeistern und dazu ermuntern kann, sich mit Wein auseinanderzusetzen. Ja dass man sie sogar von Wein faszinieren kann! Man muss ihnen nur Geschichten erzählen, Menschen und deren Visionen vorstellen, das Besondere. Aber natürlich abseits der üblichen Klischees. Wenn ich damals meinen Kunden etwas von Kirschen, Brombeeren und Toastnoten erzählt hätte, wären sie zum Bier geflüchtet.

Würtz-Wein: Was ist mit dem „Weinwisser“, den Du seit Juli letzten Jahres verantwortest?

Stephan Reinhardt: Das ist kein Magazin, sondern eine Aneinanderreihung von Beschreibungen toller Weine und Weinerlebnisse. Hier spielen nicht nur neue und junge Weine von besonderer Klasse eine Rolle, sondern auch historische. Weinwisser-Leser reden nicht nur über den 1945er Mouton oder 1961er Latour – sie trinken diese Weine auch, denn sie besitzen sie. Daher sind sie immer daran interessiert, eine aktuelle Verkostungsnotiz zu diesem oder einem ähnlich hochwertigen Wein zu lesen. Der Weinwisser hat überhaupt eine ganz eigene, Schweizer Geschichte, die eng mit Namen wie René Gabriel, Max Gerstl, Beat Carduff oder Wolfram Meister verknüpft ist. Das war eine absolut weinverrückte Truppe, die sich anfangs gegenseitig Entdeckungen und Kauftipps samt Verkostungsnotizen zugefaxt hatte. Weblogs gab es ja vor 20 Jahren noch keine. Irgendwann kam dann die Idee auf, die Faxe mit den anregenden Inhalten doch einfach zu sammeln, zu heften und als Abo-Newsletter für Weinverrückte anzubieten. Das augenscheinlich spartanische Konzept ging auf – und es hält seit nunmehr 17 Jahren. Aus den Bordeaux-Nummern ist sogar das phänomenale Gabriel-Buch „Bordeaux total“ hervorgegangen. Für viele ist der mit 15 bis 23 einseitig bedruckten Seiten eher übersichtliche Weinwisser ein absolutes Mysterium. Ich glaube aber, dass es genau das nicht ist. Das Blatt präsentiert sich weder nachrichtlich nüchtern noch in opulenter Ausstattung. Aber es fesselt seine Leser – überwiegend Schweizer übrigens – mit einer radikal subjektiven Schreibe und jeder Menge Emotion. Die Leute, die hier zu Wort kommen, machen nicht nur einen Job. Sondern Weine zu beschreiben und deren Geschichten zu erzählen, oft auf humorvolle Art, ist ihre Leidenschaft. Und die ist ansteckend. Zumal sie keine Scheu davor hat, einen tollen Wein, der ja immer auch mit einem besonderen Erlebnis verbunden ist, mit 19 oder 20 Punkten zu bewerten.

Würtz-Wein: Du hast viele Jahre für „Der Feinschmecker“ und den „Wein Gourmet“ geschrieben. Letzterer wurde gerade eingestellt. Hat Dich das überrascht?

Stephan Reinhardt: Absolut. Auch wenn ich die allererste Heftnummer im Jahre 2000 bis zuletzt für die mit Abstand beste gehalten habe. Das Problem des Wein Gourmets waren aber nicht die weniger gewordenen Leser, sondern der dramatische Anzeigenrückgang als Folge der Weltwirtschaftskrise. Feinschmecker und Wein Gourmet lassen sich nicht allein durch den Heftverkauf finanzieren. Schließlich hat der Jahreszeitenverlag jede einzelne Geschichte im Heft exklusiv produziert und auch komplett selbst finanziert. Da wurden und werden sowohl den eigens losgeschickten Fotografen wie auch den Autoren sämtliche Reisekosten – Flüge, Leihwagen, Hotels, Verpflegungsausgaben – ersetzt. Nicht zu vergessen die fairen Honorare. Es gab auch keinerlei Auflagen bezüglich des Reportageinhalts. In der Planung und beim Vertexten der Reisen sind Feinschmecker-Autoren völlig frei. Derart grandiose Bedingungen habe ich ansonsten nur noch bei der „Weltwoche“ in der Schweiz erfahren.

Würtz-Wein: Du bedauerst also das Ende des “Marktführers”?

Stephan Reinhardt: Aber natürlich. Viele Leser bedauern das Ende des Wein Gourmet. Sie mochten die Fotos und das Papier und die Möglichkeit, im Heft zu schmökern und sich hier und da auch inspirieren zu lassen. Möglich, dass sich Weinfreaks vom Wein Gourmet weniger gut informiert fühlten. Doch da sich einige von ihnen untereinander gut vernetzt haben, muss die Zeitschrift, die sie positiv überraschen könnte, erst noch erfunden werden, am besten von ihnen selbst. Von den anhaltenden Schwanengesängen auf die Printmedien halte ich indes nichts. Diese werden sich eine leicht abgeänderte Rolle suchen – und fröhlich weiterleben, weil sie unersetzlich sind.

Würtz-Wein: Kann man vom Weinjournalismus eigentlich leben?

Stephan Reinhardt: Nun, ich lebe und mit mir meine Familie. Wenn auch in Lüneburg und nicht mehr in Deutschlands schönster Stadt – Hamburg. Eine arbeitende Frau schadet überdies nicht.

Würtz-Wein: Wie siehst Du die Zukunftsperspektiven Deiner Zunft? Wird sich hier grundsätzlich etwas verändern?

Stephan Reinhardt: Es wird sich sicher etwas ändern. Wir werden rarer und virtueller. Vielleicht sterben wir hierzulande aber auch aus. Damit meine ich jene Autoren, die sich bislang allein mit dem Schreiben über Wein ernähren können. Ohne permanente Bücherverkäufe oder die gelegentliche Annahme von PR-Jobs ist dies ohnehin kaum möglich. Womit wir wieder bei der Qualität wären. Sie muss uns bezahlt werden. Doch welcher Verlag leistet sich guten, unabhängigen Weinjournalismus? Antworten gerne gleich an mich.

Würtz-Wein: Mario Scheuermann sagte kürzlich im Gespräch: „Der Gault Millau ist die Regierung und die anderen beiden (gemeint sind die Weinführer weinplus und Eichelmann. Anm. Würtz) sitzen auf den Oppositionsbänken.“ Siehst Du das ähnlich?

Stephan Reinhardt: Über Regierung und Opposition entscheiden gemeinhin Wähler. Wer aber hat diese Guides gewählt? Es sind selbst ernannte, sich selbst legitimierende Führer, im Falle des Gault Millau sogar mit heiklen, um nicht zu sagen bizarren Verflechtungen. Doch wen führen diese Guides eigentlich? Ich hoffe niemanden. Andererseits wäre ein Weinland ohne Weinführer auch eigenartig.

Würtz-Wein: Du zeigst ein großes Engagement für den Silvaner. Warum?

Stephan Reinhardt: Es kam zufällig. Ich fand die Sorte auch nie besonders sexy. Als dann für „Wein spricht deutsch“ (Hg. Stuart Pigott, Scherz 2007) niemand über Franken schreiben wollte, habe ich gesagt, ich mach’s. Ich mag die Franken. Gute Typen. Ruhig, klug und tief, ziemlich ernst und doch humorvoll, wetterhart. Wenn man sich anhört, was sie zu sagen haben, wie sich ihre Geschichte und Kultur gestaltet hat, versteht man auch ihre kontinentalen Weine besser. Und die Silvaner, die hier erzeugt werden, sind einfach tolle Weine und weitaus besser als das Renommee der Sorte. Und da ich nicht immer Riesling trinken mag oder Pinot oder Tannin, hat der Silvaner die Lücke besetzt. Er ist gut zu meinem Gaumen. Er streichelt mich. Tucholsky hätte mich beneidet.

Würtz-Wein: Wo wachsen deiner Meinung nach die besten Silvaner in Deutschland?

Stephan Reinhardt: Sorry, aber ohne Zweifel in Franken. Warum? Weil sie dort alles aus der Sorte rausholen und ihr eigenes Schicksal, ihre weinfränkische Identität mit dem Silvanersverknüpfen. Er steht in Franken in den besten Lagen. Silvaner Grands Crus gibt es weltweit nirgendwo anders. Ähnlich komplexe, aber nicht zuletzt klimatisch bedingt ganz anders geartete Sylvaner finde ich noch im Elsass, wo nur noch 1300 Hektar Sylvaner stehen. Darunter aber Rebstöcke, die 70 bis 80 Jahre alt sind und selbst aus Massenselektion stammen. Diese Trauben haben einen völlig anderen Geschmack, was sich natürlich auch auf die Weine auswirkt. Derart alte Reben haben wir in den reinlich-bereinigten deutschen Fluren leider nicht. Der älteste Silvanerweinberg, von dem ich weiß, ist 60 Jahre alt. Entsprechend arm ist aber auch das genetische Material. Übrigens, Eure rheinhessischen Flachlandsilvaner sind auch nicht übel. Aus dem Roten Hang, wo einst feinrassige, elegante Silvaner wuchsen, ist die Sorte ja zugunsten des Riesling fast ganz verschwunden. Im Wonnegau sind mir die Silvaner oft zu wuchtig. Ein Problem übrigens, das auch die Eisacktaler (Südtirol) kennen. Aber mit ihren komplexen, mineralreichen Böden bewahren sie sich doch eine immense Spannung und bleiben trotz ihrer Fülle angenehm zu trinken. Besonders elegant und feinfruchtig können aber auch Württemberger Silvaner geraten, etwa von der sich auf Jurakalk erhebenden Schwäbischen Alb. Und herrlich sind die Silvaner vom Kaiserstuhl, saftig die vom Löss, nervig jene vom Vulkangestein.

Würtz-Wein: Du hast einen ziemlich umfassenden Überblick über die internationale Weinszene. Wie siehst Du den Stellenwert des deutschen Weins im internationalen Vergleich?

Stephan Reinhardt: Herausragend, was den Riesling angeht. Die Leute jenseits der Grenzen vergöttern deutschen Riesling. Weißburgunder und vielleicht sogar Silvaner könnten noch an Bedeutung gewinnen. Und der eine oder andere Spätburgunder – sofern die Winzer einsehen, dass rauchige Fassnoten nichts Burgundisches sind, sondern nichts weiter als rauchige Fassnoten, denen nicht selten ein zu trocknendes und bitteres Tannin folgt. Auch in Sachen Fruchtfeinheit und Fruchtfrische besteht hierzulande noch Diskussionsbedarf.

Würtz-Wein: Ist der deutsche Wein Deiner Meinung nach konkurrenzfähig? Wo liegen die Fehler?

Stephan Reinhardt: Klar ist er, wenn er gut ist, konkurrenzfähig – und in Sachen Riesling oftmals sogar konkurrenzlos. Der Fehler besteht darin, dass es noch immer viel zu viele grauenvolle Weine gibt, die leider auch getrunken werden. Und zu viele gute, von denen wir noch gar nichts wissen.

Würtz-Wein: Wie ist Dein Verhältnis zum VDP, wie schätzt Du deren Arbeit ein?

Stephan Reinhardt: Wir kennen uns, sind aber nicht intim.

Würtz-Wein: Stellt der VDP tatsächlich die qualitative Spitze des deutschen Weinbaus dar?

Stephan Reinhardt: Auch wenn es zahlreiche Top-Betriebe gibt, die nicht VDP-Mitglied sind, so bleiben die Prädikatsweingüter doch ein starker, weltweit beachteter und geschätzter Verband mit starker Präsenz im In- und Ausland sowie einer beachtlichen, auch für die Renaissance deutscher Weinqualitäten mitentscheidenden Historie. Der VDP bündelt immerhin rund 240 Mitgliedsbetriebe. Dass dabei der eine oder andere vorangeht, während andere hinterherlaufen, ist normal. Aber die Richtung stimmt. Der Einsatz für höchste Weinqualität ist jedenfalls beispielhaft, auch wenn ich mir hier und da wünschen würde, dass die einzelnen Betriebe zu mehr Individualität angespornt werden anstatt sie auf Linie zu bringen.

Würtz-Wein: Aktuell ist wieder einmal das „Komasaufen“ ein großes Thema in den Medien. Experten fordern drastische Steuererhöhungen auf alkoholische Getränke um dieses Phänomen unter Kontrolle zu bringen. Wie stehst Du zu dieser Thematik.

Stephan Reinhardt: Steuererhöhungen auf alkoholische Getränke zu fordern, um dadurch exzessiven Alkoholgenuss zu unterbinden, entbehrt nicht der Komik, hätte das doch kein Stammtisch abstruser formulieren können. Vielleicht sollten diejenigen, die das heute fordern, sich im Herbst auf dem Münchner Oktoberfest gleich nach dem Anzapfen des ersten Fasses in einer Ehrenloge zusammensetzen und bei ein, zwei Maß Freibier überdenken. Ich jedenfalls bin der Meinung, dass das Brauereiwesen und der Weinbau kulturelle Höchstleistungen sind, die eher gefördert als geächtet gehören. Warum wird in den Schulen nicht die Kunst des Schmeckens, des guten Geschmacks und des gepflegten Genießens gelehrt? Oder von der befreienden, lebensbejahenden Kraft erzählt, die ein gut gefülltes Glas klaren Weins haben kann? Anstatt von den Freuden wird immer nur von den Abgründen und Gefahren gesprochen. Kein Wunder, dass der eine oder andere seine von Cola und Schorlen begleitete Lebensangst ab und an mal k.o. trinken muss.

7 Kommentare zu “Stephan Reinhardt im Gespräch

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>