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Marcus Hofschuster im Gespräch

Heute in unserer Reihe “…im Gespräch”, der Chefredakteur und Chefverkoster der Internetplattform “Wein-Plus”, Marcus Hofschuster. Wein-Plus war das erste reine Internetportal zum Thema Wein und vor vielen Jahren auch ein sehr lebendiges Forum. Heute sind die wesentlichen Bestandteile von Wein-Plus zahlreiche Weinführer und Magazinbeiträge, deren Lektüre allerdings ein kostenpflichtiges Abonnement voraussetzt. Marcus Hofschuster gehört zu den Gründern von Wein-Plus. Vom Anfangs gerne belächelten “Freak” hat er sich heute zu einer ernstgenommenen Größe im Metier gemausert.

hofschusterWürtz-Wein: Du bist der Chefredakteur von Wein-Plus und als solcher auch der Chefverkoster der Weinführer auf Eurem Portal. Wie sieht denn der Alltag eines Chefverkosters aus?

Marcus Hofschuster: Der Alltag sieht ziemlich genau so aus, wie sich der „Titel“ anhört: Verkostung. Nachdem ich früh meine Mails abgearbeitet habe, beginne ich normalerweise zwischen 9.00 und 11.00 Uhr mit dem Probieren. Die meiste Zeit ist auch mein Kollege Karl Bajano anwesend, ein Oenologe aus Wien, der um die gleiche Zeit zu verkosten beginnt. Unser dritter Degustator hat uns leider zum 1. Mai verlassen. Ein wesentlicher Teil aller probierten Weine steht am Abend oder am nächsten Tag zu einer zweiten Verkostung an. Hierbei werden die Proben von allen Verkostern nach Weintyp (rot, weiß, rosé, schäumend, trocken, süß, edelsüß) getrennt und jeweils nach Punkten sortiert ein zweites Mal probiert. So fallen nicht nur qualitative Abweichungen und Veränderungen der Weine nach Luftzufuhr sofort auf. Auch eventuelle Schwankungen der einzelnen Verkoster werden so schnell erkannt. Entgegen den Aussagen mancher Punktegegner ist eine konsistente Bewertung von Weinen auch von verschiedenen Verkostern allerdings durchaus möglich, sofern die Parameter klar und die Degustatoren fähig und ausreichend gut ausgebildet sind. Mit Konsistenz meine ich eine Abweichung von maximal einem Punkt im Hundert-Punkte-System. Zwischendurch korrespondiere ich mit Produzenten oder kümmere mich um administrative Aufgaben. Die anfallende Schreibarbeit (Magazinartikel, zusammenfassende Jahrgangsportraits für die einzelnen Produzenten etc.) muss ich normalerweise aufs Wochenende oder in die späte Nacht verschieben. Sie kommt derzeit leider immer etwas zu kurz.

Würtz-Wein: Im Gegensatz zu anderen Weinführern probiert Ihr ja quasi täglich. Ist das nicht ein wenig viel?

Marcus Hofschuster: Es ist meiner Ansicht nach erheblich vernünftiger, täglich eine überschaubare Anzahl an Weinen zu probieren, als schubweise große Mengen. Im Übrigen gewährt gerade die tägliche Übung eine stabile Verkostungspraxis. Ohne körperliche Fitness wird es allerdings schwierig.

Würtz-Wein: Alle Weine werden bei Euch „blind“, das bedeutet verdeckt probiert. Was ist dabei Deiner Meinung nach der Vorteil?

Marcus Hofschuster: Wer wirklich glaubt, unbeeinflusst offen probieren zu können, unterschätzt den Einfluss seines Unterbewusstseins. Ein Wein, den ich mit einer unterbewussten Erwartungshaltung probiere, wird mit Sicherheit immer anders abschneiden als einer, den ich ohne Kenntnis des Etiketts beurteile. Hier rede ich jedoch nur von wertender Weinkritik, die meiner Ansicht so neutral und unbeeinflusst ablaufen sollte, wie nur irgend möglich. Ein mehr epischer Weinjournalismus, der bis ins Detail auf Weingutsphilosophie, Böden, Lagen, Klima und Tradition eingeht, ist ein ganz anderes Thema. Man sollte diese beiden Herangehensweisen nicht vermengen. Das Argument, ein Wein könnte nicht richtig beurteilt werden, wenn man die Philosophie seines Produzenten und die Bedingungen seines Entstehens nicht bis ins Detail kennt, will ich nicht gelten lassen. Wenn ein Wein nicht gut ist, lässt sich seine mangelnde Qualität auch nicht durch eine besondere Winzerphilosophie oder ein ungewöhnliches „Terroir“ entschuldigen. Selbstverständlich sollte man sich mit den verschiedenen Weinstilen der Welt auskennen und Mängel von charakterlichen Eigenheiten unterscheiden können. Ohne jahre-, besser jahrzehntelanger Erfahrung geht das nicht.

Würtz-Wein: Es wird ja immer wieder gerne über die Befähigung von Weinverkostern und Journalisten diskutiert. Was befähigt Dich denn dazu, in diesem Metier tätig zu sein?

Marcus Hofschuster: Vieles habe ich bereits genannt: neben den grundsätzlichen sensorischen Fähigkeiten – die jedoch die Mehrzahl der Menschen erlernen könnte – spielt lange Erfahrung und vor allem Unvoreingenommenheit eine wichtige Rolle. Hier wird auch das Erlernen schwierig: wer sich nicht für die verschiedensten Stile und Charaktere gleichermaßen interessieren kann oder wer allzu klare Geschmackspräferenzen hat, wird sich auch dann nicht zum Verkoster eignen, wenn er über eine weit überdurchschnittliche Sensorik verfügt. Als ich begann, mich für Wein zu interessieren, war ich weitgehend frei von lenkenden Einflüssen, weil sich in meinem ganzen Umfeld niemand für das Thema interessierte. Auch die Weinliteratur habe ich erst viel später entdeckt. Vielleicht hilft mir diese anfängliche Freiheit heute, jedem Weinstil, auch eher unkonventionellen und fremden sensorischen Eindrücken, unvoreingenommen entgegenzutreten. Ich erlebe immer wieder, dass auch erfahrene Verkoster ins Schwanken geraten, wenn sie in internationalen Verkostungsjurys sitzen und auf ihnen wenig bekannte Weintypen treffen. Sie nehmen die ihnen bekannten Weine und ihre Geschmackscharakteristika als Maßstab und bewerten nicht selten alles negativ, was davon zu sehr abweicht. Wir beobachten das ja auch bei deutschen Rieslingfreaks: Weißweine, die nicht die Säure oder die präsente, oft leicht süßliche Frucht eines deutschen Rieslings haben, werden schon allein deshalb geringer geschätzt. Ich glaube und hoffe, dass mir diese Schwäche – eine Schwäche, wohlgemerkt,  nur im Hinblick auf den Beruf als professioneller Verkoster, nicht für den Konsumenten – weitestgehend fehlt.
Würtz-Wein: Du warst der erste Verkoster, der in Deutschland jemals einem trockenen Wein die magischen 100 Punkte verliehen hat. Dafür wurdest Du damals stark kritisiert. Kurz danach hast Du in einer öffentlichen Blindprobe auf einem Podium mit anderen Kollegen diesem Wein deutlich weniger Punkte gegeben. Die Schadenfreude war damals natürlich groß. Bereust Du im Nachhinein diese 100 Punkte?

Marcus Hofschuster: Nicht im geringsten. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diesen Wein inzwischen im Glas hatte. In fast allen Fällen war der Wein so unvergleichlich gut, dass man sich nach dem Leeren der Flasche schwer tat, einen anderen Wein zu finden, dem man noch etwas abgewinnen konnte. Einige wenige Flaschen waren jedoch in ganz ähnlichem Zustand wie bei besagter Probe. Man bedenke auch, dass die damalige Verkostung nur als grobe Einleitung und Grundlage für ein nachfolgendes Gespräch über verschiedene Herangehensweisen bei der Verkostung dienen sollte. Die Bewertungen der Runde waren nie zur Veröffentlichung gedacht, was angesichts der eher ungeeigneten Bedingungen (die Beteiligten reisten in aller Frühe an, im Raum wurde geraucht, die Verkostung wurde sehr zügig und eher oberflächlich durchgeführt) auch geboten war. Nach dem Ergebnis von Künstlers Goldkapsel sah die Sache auf einmal ganz anders aus: die Zeitschrift hatte ihre „Sensation“. Weder die Konterprobe noch die Entwicklung an der Luft waren noch von Interesse, sie wurden eher gezielt ignoriert, um die Sensation nicht zu verwässern. Dabei war völlig klar, dass einer der letzten beiden Weine dieser Verkostung die im Vorfeld lebhaft diskutierte 100-Punkte-Goldkapsel war. Auch erkannte ich beide Weine eindeutig als Rheingauer (und sagte dies als einziger Teilnehmer der Runde auf Anfrage vor der Aufdeckung auch deutlich). Es wäre also ein leichtes gewesen, eine „Sicherheitswertung“ über 90 abzugeben, um sich möglichst keine Blöße zu geben, aber diese Flasche gab nun einmal nicht mehr her und genau das ist es ja, wofür ich mich immer einsetze: eine neutrale Beurteilung des Weins im Glas ohne Rücksicht auf das Etikett. Leider war der tatsächliche Zustand der Flasche nie Gegenstand der Debatte.

Würtz-Wein: Glaubst Du es ist wichtig Weine zu bepunkten, oder gäbe es auch eine alternative Bewertungsform?

Marcus Hofschuster: Selbstverständlich gäbe und gibt es alternative Bewertungsformen, aber die Punktbewertung hat zwei gravierende Vorteile, die allerdings kaum etwas miteinander zu tun haben. Der erste ist profan, aber deshalb nicht weniger maßgeblich: Punktbewertungen werden gelesen. Die meisten Leser haben offenbar großes Interesse an den Zahlenspielen. Zudem hilft eine Punktnote bei der Orientierung im Pool tausender jährlich verkosteter Weine ganz erheblich. Es ist wohl kaum jemandem zuzumuten, alle Verkostungsnotizen zu lesen, um sich die womöglich interessanten Weine herauszupicken. Punktnoten helfen schon sehr dabei, je nach Anspruch und Geldbeutel eine Vorauswahl zu treffen. Der Zweite Vorteil eines Punktesystems ist der Zwang zum genauen Hinsehen. Habe ich fünfzig Punkteschritte statt drei, fünf oder zehn, muss ich mich erheblich mehr konzentrieren, um eine konsistente Bewertung zu gewährleisten. Eine Bewertung mit null bis drei oder fünf Sternen, Gläsern, Flaschen oder was auch immer, würde mir die Arbeit erheblich erleichtern, würde mich auch wesentlich weniger angreifbar machen; aber die Gefahr wäre groß, dass ich mir die Weine mit der Zeit weit weniger genau ansehen würde als bisher, was sich letztendlich auch auf meine Bewertungstexte und die Qualität meines Urteils insgesamt auswirken würde.

Würtz-Wein: Von Weinkritikern und Journalisten hört man immer wider gerne folgenden Satz: „Seit ich mit dem Winzer xy geredet habe, macht er seinen Wein ganz anders“. Glaubst Du an einen derartigen Einfluß? Wie schätzt Du Dich selbst und Deinen „Einfluß“ in der deutschen Weinwelt ein?

Marcus Hofschuster: Einen Einfluss hat die Weinkritik ganz ohne Zweifel, nur ist der sicher in den meisten Fällen nicht ganz so direkt und offensichtlich – und auch nicht immer positiv. Ein Winzer, der Weine nach dem vermeintlichen Geschmack eines Kritikers produziert und dabei seine Herkunft, seine Traditionen und seine Überzeugungen verleugnet, macht einen Fehler. Es wird ihm wohl auch nie gelingen, auf diese Art einen erstklassigen Wein zu produzieren. Ein selbstkritischer Produzent wird von ehrlicher und offener Kritik, sofern sie berechtigt ist,  jedoch in den meisten Fällen profitieren und diese Kritik auch in seinem Sinne zu nutzen verstehen. Ich selbst habe nur in wenigen Fällen in direkten Gesprächen mit Produzenten bewusst und vom Winzer auch gewollt Einfluss genommen und damit dazu beigetragen, dass die Weinbereitung verändert wurde. Da ich mich immer wieder gegen zu massiven Holzeinsatz oder auch zu viel Zucker in nominell trockenen Weinen einsetze, bin ich natürlich auch immer froh, wenn ich einen Rotwein auf den Tisch bekomme, der nach seiner Herkunft und seinen Rebsorten schmeckt statt nach Holz, ebenso erfreut mich ein durchgegorener Riesling (sofern er auch gut ist), aber ich kann kaum beurteilen, ob mein ständiges Lamento auch nur das Geringste mit diesen für mich positiven Veränderungen zu tun hat, oder ob der Winzer einfach selber keine rußig-röstige Holzbrühe mehr auf dem Esstisch stehen haben will, sondern Wein, den er auch trinken mag.

Würtz-Wein: Das Internetportal weinplus ist nach eigenen Angaben das meistgelesene deutschsprachige Weinportal. Worauf beruht diese Einschätzung?

Marcus Hofschuster: Wir lassen Leseraufkommen und Leserverhalten von der IVW prüfen, können uns hier also auf völlig neutrale Zahlen stützen.

Würtz-Wein: Betrachtet man sich Eure Seite einmal näher, fällt auf, dass sie eher im Web 1.0 angesiedelt ist. Ist das noch zeitgmäß? Wird es hier demnächst Änderungen geben?

Markus Hofschuster: Das Web 2.0 ist eine Ergänzung zu Web 1.0, es macht Letzteres aber nicht überflüssig. Seriöse und umfangreiche sowie in die Tiefe gehende Information lässt sich aus meiner Sicht im Mitmachweb kaum realisieren. Änderungen wird es auch bei Wein-Plus geben, aber wir werden sicher auch weiterhin im Web 1.0 verwurzelt bleiben. Es dürfte auch kaum im Interesse unserer Leser sein, das zu ändern.

Würtz-Wein: Du arbeitest seit vielen Jahren für ein Internetmedium, das zu Anfang gerne von den „Alteingesessenen Print-Kollegen“ belächelt wurde. Was entgegnest Du diesen Kritikern heute?

Marcus Hofschuster: Wir wurden anfangs tatsächlich kaum ernst genommen, aber das änderte sich schnell. Es war schon interessant zu beobachten, wie freimütig die gedruckte Fachpresse in den Anfangszeiten über uns berichtete und wie hartnäckig sie uns im Gegensatz dazu in den folgenden Jahren totschwieg, als wir zu einer ernsthaften Gefahr für die Printmedien wurden. Selbst wir sahen allerdings damals die rasante Entwicklung zu unseren Gunsten nicht voraus. Natürlich macht sie uns nicht unglücklich, aber sie halst uns auch mehr Arbeit auf, als wir uns freiwillig antun würden… Wir hatten es also von Anfang an nicht mit Kritik zu tun, sondern mit Geringschätzung, später dann eher mit Furcht, jetzt, so hoffe ich, vielleicht auch ein wenig mit kollegialem Respekt. Die einzige ernstzunehmende Kritik, die ich an der Tatsache höre, dass wir nur noch im Internet veröffentlichen, ist die, dass man unsere Publikationen nicht mit ins Bett oder aufs Klo nehmen kann. Die ist natürlich absolut berechtigt. Deshalb lese ich mein Tageszeitung auch noch von Papier ab, nicht vom Bildschirm.

Würtz-Wein: Das web entwickelt sich sehr rasch. Zur Zeit wird gebloggt und getwittert was das Zeug hält. Warum beteiligst Du Dich daran nicht?

Marcus Hofschuster: Weil mir schlicht die Zeit fehlt. Ich sitze den ganzen Tag in der Redaktion am Rechner und komme während meiner normalen Arbeitszeiten noch nicht einmal dazu, die Schreibarbeit zu machen, die ich machen müsste. Eigentlich sollte ich mich sofort bei allen Produzenten entschuldigen, die noch immer kein 2007er Jahrgangsportrait haben. Für einen Blog bleibt da kaum Luft und für das zwangsläufig oberflächliche Geschnatter im Twitter-Universum erst recht nicht. Zudem war ich in Sachen Außen- und Selbstdarstellung (trotz meiner „Nebenbeschäftigung“ als Rocksänger) noch nie besonders gut.. Mir fehlt offenbar ein wenig das kommunikative Talent. Ich habe nicht alle paar Minuten einen wichtigen Satz parat, den ich unbedingt sofort in die weite Welt hinausblasen muss.

2 Kommentare zu “Marcus Hofschuster im Gespräch

  • Michael Pronay

    Warum mutiert der gute Marcus ab der zweiten Wortmeldung zum Markus?

    Ansonsten: Complimenti, das ist Marcus, wie er leibt und lebt!

    @Michael Pronay
    Uups… vielen Dank für den Hinweis. Ist verbessert!

    Reply

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