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EU-Weinmarktreform – die Marktwirtschaft hält Einzug!

Gestern hatte ich die Gelegenheit, im Hamburger Hafenclub an einem Round Table Gespräch zur EU-Weinmarktreform teilzunehmen. Lars Hoelgaard, General Direktor für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung in der europäischen Kommission, quasi der oberste EU-Acker-Beamte, war anwesend und erklärte sehr ausführlich, was es mit der Weinmarktreform auf sich hat und was da so alles auf die Weinbauern zukommt. Eines vorweg: der Mann ist sehr kompetent, sehr sympathisch und gar kein Bürokratenmonster. Zu den Hintergründen: Seit Jahren bleibt der Konsum und Absatz der in Europa hergestellten Weine auf dem europäischen Binnenmarkt konstant auf dem gleichen Niveau. Zeitgleich steigt der Verbrauch und Import von Weinen aus sogenannten “Drittländern” unaufhörlich an. Diese Weine sind nicht nur sehr beliebt und teilweise auch sehr günstig, sondern unterliegen auch wesentlichen weniger strengen Restriktionen wie das bei uns der Fall ist. Das geht bei den Bezeichnungen los und hört bei den Herstellungsmethoden auf. Viele der Methoden (oenologische Verfahren), die in den Drittländern angewendet werden, sind in der EU nicht erlaubt. “Also haben wir uns überlegt, wie wir darauf am Besten reagieren”, so Hoelgaard. Hinzu kommt der Fakt, dass in der EU in großen Mengen Wein produziert wird der, da er nicht getrunken wird, destiliert werden muß. Wein, der also am Marktbedarf vorbei produziert wurde und für unglaublich Summen dann zu Alkohol destiliert wird. Diese Geschichte kostet die EU im Jahr sage und schreibe 567 Millionen Euro. Das ist kanpp die Hälfte des Budgets, das überhaupt für die gesamten Weinbaufördermaßnahmen zur Verfügung steht. Hier handelt es sich übrigens um Steuergelder!!!
Was sind nun die wesentlichen Eckpunkte der Weinmarktsreform? Ich liste sie einfach mal auf und kommentiere sie. Ob diese Punkte dann auch in nationales Recht umgesetzt werden, stellt die EU jedem Mitgliedsstaat übrigens frei…

1. Wein wird künftig behandelt wie alle anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse auch und verliert seinen Sonderstatus

Klingt nicht sonderlich wichtig, wird der normale Verbraucher sagen. “Das ist der Untergang der Weinkultur” sagen die Weinbaufunktionäre. Meine Meinung dazu ist weniger aufgeregt und könnte heißen: “Dann ist das eben jetzt so”. Wein zu destilieren, damit er weg ist, hat so oder so nichts mit Kultur zu tun!

2. Restriktionen in der Weinbereitung müssen weg. Was für Drittländer gilt, muss auch für EU-Länder gelten

Dieser Punkt öffnet theoretisch Tür und Tor zur “Frankensteinweinherstellung” werden da jetzt einige sagen. Beispielsweise für Maschinen, die den Wein in seine einzelnen Bestandteile zerlegen, um ihn marktgerecht wieder zusammenzusetzen. Das nennt man übrigens “Schleuderkegelkolonne”. Dass diese Restriktionen gelockert werden, heißt aber noch lange nicht, dass man das auch machen muss, würde ich sagen. Falls das auch in nationales Recht umgesetzt werden würde, muss sich jeder für sich überlegen, ob er das will oder nicht. Nebenbei bemerkt: Die Kunden mögen solche Weine, wie die Absatzzahlen belegen.

3. Die Pflanzrechte fallen ab 2015 weg

Bisher brauchte man nicht nur eine Weinbergsfläche, sondern auch die dazugehörigen Pflanzrechte, um dort auch tatsächlich Wein anbauen zu dürfen. Diese Regelung soll wegfallen. Das bedeutet theoretisch, dass ab diesem Zeitpunkt jeder überall Wein anpflanzen darf. Das könnte natürlich dazu führen, dass uns die nächste Weinschwemme von durchaus diskussionswürdiger Qualität ins Haus steht. Die Folge hieraus werden aberwitzig geringe Fassweinpreise sein. Da muss sich dann jeder überlegen, ob er künftig noch in der Lage sein wird, Wein für derart niedrige Preise zu produzieren. Ein mögliches Zukunftszenario wäre auch dieses: es gibt Traubenproduzenten und Weinproduzenten. Erstere produzieren die Trauben und liefern sie an den Weinmacher, der nur noch den Wein daraus herstellt. Das ist in Australien übrigens bereits normal. Das hätte auch den Vorteil, dass sich künftig jeder auf das konzentriert, was er am Besten kann.

4. Herkunftsbezeichnungen

Die EU verlangt von jedem Mitgliedsstaat ein “Dossier”, in dem genau aufgelistet wird, was, wo und warum produziert wird. Dies bedeutet im deutschen Fall, dass in diesem Dossier Rebsorten und Lagenamen erklärt und dargestellt werden müssen. Erst dann sind diese Dinge als Herkunfts- oder Ursprungsbezeichnung geschützt. Im Klartext: Steht da nicht der Riesling aus dem Gau-Odernheimer Herrgottspfad drin, ist das keine Herkunftsbezeichnung und kann von jedem benutzt werden. Im Umkehrschluß gilt das aber auch für die Drittländer. Haben beispielsweise die Südafrikaner nicht das Gleiche mit Stellenbosch Weinen gemacht, ist die Herkunftsbezeichnung in der EU nicht geschützt. Diesen Punkt finde ich persönlich am interessantesten. Ich glaube über die Möglichkeiten, die sich hier bieten, hat noch keiner wirklich nachgedacht. Theoretisch könnte jetzt jeder Winzer versuchen, sich eine Herkunftsbezeichnung schützen zu lassen. Dies wird zwar zunächst am nationalen Recht scheitern, aber in allerletzter Instanz in Brüssel wohl durchgehen. Das muss mal einer dem VDP erklären, das ist ihre Chance…

Abschließend muß man sagen, dass das, was die EU jetzt realisiert, nichts anderes ist als eine Marktbereinigung, ohne sich dabei wirklich zu engagieren. Durch die totale Liberalisierung des Rechts und des Marktes, werden sicherlich unzählige Weinbaubetriebe in Europa künftig nicht mehr existieren können. Die EU will nur noch als Feuerwehr eingreifen und das regulieren, was gesellschaftlich wirklich von Belang ist. Das bedeutet, dass künftig keine Steuergelder mehr für Quoten und Produkte ohne jeglichen Bedarf mehr ausgegeben werden sollen. Das ist so etwas Ähnliches wie ein Strukturwandel in der Landwirtschaft. Im Weinbau quasi eine Kulturrevolution!

Weiter Beiträge hier: Weinakademie Berlin

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